Die neue Arbeitschemie macht Ulm zu einem Titelanwärter

Die neue Arbeitschemie macht Ulm zu einem Titelanwärter

München oder Berlin, das waren die Namen, die vor dem Finalturnier der Basketball-Bundesliga von den Experten gebetsmühlenartig genannt wurden, wenn es darum ging, die Favoriten für den Titel ausfindig zu machen. Natürlich, so kam immer die Einschränkung hinterher, seien Überraschungen angesichts des Modus, der ab dem Viertelfinale ein Hin- und Rückspiel vorsieht, möglich. Bislang haben mit Ulm und Ludwigsburg zwei Teams so stark aufgespielt, dass sie den ursprünglich nur aus den beiden Euroleague-Teams bestehenden Favoritenkreis erweitert haben beziehungsweise nach dem Sieg der Ludwigsburger gegen die Bayern auch dezimiert haben. Während die die Schützlinge von John Patrick schon vor der Corona-Pause eine sehr starke Saison abgeliefert hatten, kamen die beeindruckenden Auftritte von ratiopharm ulm beim Münchner Turnier überraschend.

Neue Hierarchien und neue Aufgabenverteilung

„Wir haben uns in der Bundesliga-Saison etwas unter Wert verkauft“, sagt Sportdirektor Thorsten Leibenath. Deshalb flogen die Ulmer vor dem Turnier etwas unter dem Radar, zumal klar war, dass mit Killian Hayes, Seth Hinrichs und Grant Jerrett drei Leistungsträger nicht dabei sein würden. Das hat die Hierarchien und Aufgaben auf dem Feld neu definiert, auch weil mit Thomas Klepeisz (Braunschweig) und Dylan Osetkowski (Göttingen) die von der Liga erlaubten zwei Nachverpflichtungen getätigt wurden. Die neue Arbeitschemie in Ulm scheint besser zu funktionieren als die alte, in der viel – vielleicht zu viel – auf den 18jährigen Killian Hayes zugeschnitten war. Der junge Franzose war „das Projekt“ der Ulmer in dieser Spielzeit. Der Fokus auf seine Entwicklung und der Anspruch des im Januar nach Spanien gewechselten Zoran Dragic, die erste Option sein zu müssen, lähmten die Mannschaft möglicherweise stärker als zunächst gedacht. Für die nächste Saison wird Hayes in die NBA wechseln, wo er im Draft in diesem Sommer unter den ersten zehn, vielleicht sogar unter den ersten fünf, Akteuren erwartet wird. Auch wenn es nie so klar kommuniziert wurde, so ist doch anzunehmen, dass der Spielmacher beim Finalturnier nicht dabei ist, um seine guten Chancen nicht durch eine Verletzung zu verschlechtern.

Leibenath landet mit Osetkowski seinen ersten Coup

Ohne ihn hat sich Tyler Harvey in den Vordergrund gespielt. Der Amerikaner hatte keine leichte Saison, musste ein paar Wochen mit einer Schulterverletzung pausieren und wurde von Head Coach Jaka Lakovic aufgrund der Priorität Hayes fast nur als Shooting Guard eingesetzt. Jetzt zeigt der 26Jährige, dass er als scorender Point Guard seine wahre Berufung finden könnte. Neben Harvey müssen auch die beiden Neuzugänge positiv vermerkt werden. Thomas Klepeisz bildet mit Harvey und Routinier Per Günther eine harmonierende Kreativabteilung, weil er mit der perfekten Dosierung spielt. Alles was der Österreicher macht, ist teamorientiert und geschieht in und aus dem Rhythmus der Mannschaft. Mit dieser Mentalität glänzt er als Vorbereiter und Dreipunktewerfer. Die Personalie Dylan Osetkowski darf man als echten Coup von Thorsten Leibenath bezeichnen. Als der langjährige Ulmer Head Coach, der vor der Saison auf den Posten des Sportdirektors gewechselt hatte, erfuhr, dass der Amerikaner einen deutschen Pass erhalten könnte, nahm er ihn unter Vertrag und lieh ihn nach Göttingen aus. Mittlerweile verfügt der Center über die deutsche Staatsangehörigkeit und wird über das Finalturnier hinaus ein wichtiger Baustein der Ulmer Mannschaft sein. Ob dies auch für Klepeisz gelten wird, ist fraglich. Der 28jährige Guard hat so stark gespielt, dass es nicht nur den Basketball Löwen Braunschweig, sondern auch Ratiopharm Ulm schwerfallen dürfte, ihn für die nächste Spielzeit zu binden.

„Thommy und Dylan sind smarte Spieler, die sich auf und abseits des Feldes schnell integriert haben“, stellt Leibenath zufrieden fest und fügt hinzu: „In der neuen Konstellation übernimmt jeder mehr Verantwortung im Teamplay.“  Zu dieser Konstellation gehört auch, dass die Ulmer bislang in jeder Partie alle zwölf Spieler eingesetzt haben und auf drei Positionen jungen Eigengewächsen Spielzeit gewähren, ohne dass der Eindruck der offensiven und defensiven Kompaktheit verlorengeht. Im Halbfinale trifft Ulm jetzt auf Ludwigsburg – eines der beiden Überraschungsteams aus dem „Ländle“ wird also auf jeden Fall das Finale erreichen.

Euer

 

Foto von Markus Spiske von Pexels