13 Feb

Vom besten Werfer bis zu den besten Comebacks

Vom besten Werfer bis zu den besten Comebacks

Wir stehen unmittelbar vor dem Pokalfinale. Das heißt, die Saisonmitte ist längst erreicht, und entsprechend möchte ich meine persönlichen Halbzeitawards an Spieler verteilen, die mir bislang aufgefallen sind. Dabei lasse ich aber die Auszeichnungen, die am Saisonende von offizieller Seite vergeben werden, bewusst unberücksichtigt.

Der beste Werfer: Marcus Eriksson

Zugegeben, 44,4% Prozent von der Dreipunktelinie und 87,5% von der Freiwurflinie sind gute Zahlen, aber doch nicht wirklich außergewöhnlich. Jordan Hulls legte zum Beispiel in den letzten Jahren noch stärkere Werte auf. Wer aber daran zweifelt, dass Marcus Eriksson der beste Werfer der Liga ist, der sollte sich noch einmal das unfassbare Trainingsvideo des Schweden anschauen, in dem er 254 von 259 Dreierversuchen durch die Reuse befördert. Da er manchmal auch vom Parkplatz draufhält und als designierter Schütze, dem die Verteidigung auf den Füßen steht, schwierigere Würfe nimmt als andere Spieler, ist seine Dreierquote in der Bewertung einfach höher anzusiedeln als es die nackte Zahl aussagt.

Die Evergreens: Rickey Paulding und Quantez Robertson

Rickey Paulding ist 37 Jahre jung und glänzt mit dem zweitbesten Scoring-Schnitt in seiner mittlerweile 13. Spielzeit in Oldenburg. Die Spielfreude des Kapitäns ist ansteckend, seine Athletik scheint unverwüstlich, wenn wir uns seine kraftvollen Dunkings vor Augen führen. Dieser Mann muss einen persönlichen Jungbrunnen in seinem Keller haben. Tez Robertson ist zwei Jahre jünger als Paulding und eher durchwachsen in die Saison gestartet. Mittlerweile ist er aber wieder der unumstrittene Leader by Example in Frankfurt, der der verletzungsgeplagten Mannschaft Energie und Siegeswillen einimpft. Mit über 36 Minuten pro Begegnung führt er erneut die Liga an und ist mit 2,3 Steals auch wieder der beste Balldieb.

Der nächste Draftpick: Killian Hayes

Killian Hayes ist ungefähr halb so alt wie diese beiden Gallionsfiguren. Aber mit seinen 18 Lenzen spielt er schon eine zentrale Rolle in Ulm. Sein Dreier fällt noch zu inkonstant, aber der Franzose ist schon jetzt ein exzellenter Passgeber aus dem Pick and Roll. Er findet sowohl den abrollenden Spieler in NBA-Manier per Alley oop als auch die Schützen auf der ballentfernten Seite. Letzteres funktioniert deutlich besser, wenn er über seine stärkere linke Hand kommt. Entsprechend ist das Attackieren über rechts neben dem Wurf der Bereich, in dem er sich noch verbessern muss. Ich glaube, dass ihm ein weiteres Jahr in Europa guttäte. Da er aber in den meisten Mock Drafts hoch gehandelt wird, könnte er sich dafür entschieden, schon im Sommer den Atlantik zu überqueren.

Der beste Ergänzungsspieler: Christian Sengfelder

Die Amerikaner benutzen gerne den Begriff des „Complementary Players“, womit sie einen Spieler beschreiben, der hinter den absoluten Topstars des Teams eine wichtige Rolle erfüllt und im Angriff als dritte oder vierte Option fungiert. Bei der Oscar-Verleihung wäre es wahrscheinlich die Auszeichnung für die beste Nebenrolle. Nun wird es Chris Sengfelders Bedeutung für die Bamberger Mannschaft nicht gerecht, ihn so zu klassifizieren. Er ist aber auch nicht der Go-to-Guy oder die zentrale Figur des Systems. Der Power Forward bringt sowohl das Mind- als auch das Skillset mit, um der ideale Complementary Player in einem Topteam zu sein. Einzig seine überschaubare Athletik schlägt negativ zu Buche.

Der am wenigsten beachtete Topspieler: Scott Eatherton

Wie der „Complementary Player“ ist auch der „Unsung Hero“ ein geflügelter Begriff in den USA. Scott Eatherton ist für mich der Spieler, der dauerhaft gute Leistungen zeigt und dafür zu wenig Aufmerksamkeit erhält. Mittlerweile spielt der Braunschweiger Center seine dritte Saison in der Löwenstadt und seine insgesamt vierte in der Liga. Aktuell ist er der beste Rebounder, der viertbeste Scorer und damit insgesamt der effizienteste Spieler. Die Center, die primär in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, sind aber die illustreren Rasid Mahalbasic, Greg Monroe und John Bryant. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Eatherton in seiner unaufgeregten und bescheidenen Art nichts ferner liegt als Werbung in eigener Sache.

Die besten Comebacks: Alex Ruoff und Kyan Anderson

 Zwei Akteure aus dem gleichen Verein? Alex Ruoff ist der Spieler mit dem besten saisonübergreifenden Comeback, Kyan Anderson mit dem besten saisoninternen. Ruoff hatte seit seinem Weggang aus Göttingen 2017 seiner Vita nur 19 Spiele in Finnland hinzugefügt. Als er im Dezember zur BG zurückkehrte, war nicht absehbar, was der 33Jährige noch leisten könnte. Jetzt wissen wir es: 11,3 Punkte, 5,1 Rebounds und 4,9 Assists legt der smarte Allrounder auf. Aber noch wichtiger: Seit er im Team steht, haben die Roijakkers-Schützlinge sieben von neun Ligapartien gewonnen. Großen Anteil an der Göttinger Erfolgsgeschichte hat natürlich auch Kyan Anderson. In den ersten fünf Saisonspielen gelangen ihm nur 6,2 Punkte pro Partie bei einer Feldwurfquote von 23,1%. Bennet Hundt schien mit seinem starken Saisonstart den Amerikaner ausgestochen zu haben. Doch spätestens seit Ruoff ihn in der Kreativabteilung entlastet, ist der pfeilschnelle Guard mit 21,3 Punkten für die gegnerischen Verteidigungen zu einem 1-1-Albtraum mutiert.

Euer

28 Jan

Ludwigsburg mischt mit bekanntem Konzept vorne mit

Ludwigsburg mischt mit bekanntem Konzept vorne mit

Nein, ein Meisterschaftskandidat sind die MHP Riesen Ludwigsburg nicht, auch wenn sie die beiden Euroleague-Teilnehmer Bayern München und Alba Berlin geschlagen haben. Die Niederlage am Wochenende in Gießen unterstreicht das. Aber angesichts dessen, was die Mannschaft bislang geleistet hat, besteht auch kein Grund, die Qualität des Tabellenzweiten zu unterschätzen.

Über John Patricks Stil ist schon viel geschrieben worden, dennoch kann ich nicht darauf verzichten, ihm ein paar Zeilen zu widmen – auch deshalb, weil es Leute gibt, die meinen, er habe ihn grundlegend verändert. Das sehe ich anders. Ähnlich wie in der Saison 2017/2018 mit Thomas Walkup ist wieder relativ viel Talent in der Mannschaft, was sich sofort niederschlägt. Das Team ist jünger als in der vergangenen Spielzeit, so dass JP seine Grundsätze mit hoher Intensität umsetzen lassen kann.

Der Stil

Dass sich die Spielweise nicht großartig von den Vorjahren unterscheidet, möchte ich allen Zweiflern mit Zahlen belegen – und die lügen ja bekanntlich deutlich seltener als Donald Trump. Ludwigsburg wirft fast schon traditionell schwache Quoten und trifft als einzige Mannschaft mit 48,5% weniger als die Hälfte seiner Würfe aus dem Zweipunktebereich. Auch die 42,6% Feldwürfe sind absoluter Ligakeller. Woher kommen also die Punkte? Volume Shooting! Der Tabellenzweite nimmt über 67 Würfe pro Partie, das ist Ligabestwert. Erreicht wird diese Zahl, weil die Barockstädter die meisten Offensiv-Rebounds (12,8) wegpflücken und sich als einzige Mannschaft weniger als zehn Ballverluste leisten. Dafür sind die Ludwigsburger aber auch klares Schlusslicht bei den Assists mit schwachen 14,8 Korbvorlagen pro Begegnung. Na klar, wer wenig passt, reduziert die Turnovers. Dieser Wert zeigt aber auch, dass die Offensive weiterhin stark auf 1-1 ausgerichtet ist. In der Defense sind nach wie vor Druck und Physis angesagt. Also, es hat sich nicht wirklich etwas geändert, was den Stil anbelangt.

Das Trio auf den Außenpositionen

Beim spielenden Personal gab es wie eigentlich vor jeder Saison große Veränderungen.

John Patrick findet immer wieder interessante Spieler wie den bereits erwähnten Thomas Walkup, der sich mit seinen kreativen Elementen mittlerweile bei Zalgiris Kaunas als Starter etablieren konnte. Royce O’Neale, der in der Spielzeit 2015/2016 das Ludwigsburger Trikot trug, verlängerte in der letzten Woche seinen Vertrag beim Utah Jazz für schlappe 36 Millionen Dollar um vier Jahre. Während die neuen ausländischen Akteure oftmals Wundertüten sind, kann man bei den deutschen Verpflichtungen immer ganz gut einschätzen, ob ein Spieler passen wird. So ist es nicht verwunderlich, dass Jonas Wohlfarth-Bottermann funktioniert, während Bogdan Radosavjlevic in der Vorsaison schon früh seine Koffer packen musste.

Das Prunkstück der aktuellen Mannschaft ist das Trio auf den Außenpositionen mit Khadeen Carrington, Rückkehrer Marcos Knight, dessen Dreimonatsvertrag bis zum Saisonende verlängert wurde, und Nick Weiler-Babb. Carrington und Knight geben dem Team einen herausragenden Scoring-Punch auf den Guard-Positionen mit über 33 Punkten pro Partie. John Patrick soll einmal gesagt haben, dass der Dreipunktewurf überschätzt sei, aber ich denke, dass er nichts dagegen hat, dass Carrington 43,4% seiner Versuche von Downtown einnetzt und in der Lage ist, Big Plays von jenseits 6,75 Meter zu machen. Knight ist ein unfassbar tougher 1-1-Spieler mit Dreier, Drive, Post-Up und Medium-Range-Game. Dazu reboundet er mit seinen nur 1,88 Meter wie ein Büffel. Weiler-Babb ist ein klassischer Allrounder, ein Schweizer Taschenmesser auf den Außenpositionen. Bereits am zweiten Spieltag legte der Rookie mit 10 Punkten, 11 Rebounds und 12 Assists gegen die Telekom Baskets Bonn ein Triple Double auf.

Das Duo aus dem Unterhaus

Neben dem G-League-Neuzugang Thomas Wimbush und der Nachverpflichtung Cameron Jackson komplettieren Jaleen Smith und Tanner Leissner das Ausländerkontingent in Ludwigsburg, zwei Spieler die in der Vorsaison noch in der Pro A aktiv waren und die belegen, dass es auf die Mischung ankommt. Smith steht immerhin mehr als 27 Minuten auf dem Parkett, auch wenn sein Dreier mit nur 32,1% deutlich schlechter fällt, als in der Vorsaison in Heidelberg. Das zeigt, dass JP ihn fast auf Augenhöhe mit seinen Big Three sieht. Leissner ist ein Spieler nach dem Geschmack des Coaches. Als Power Forward kann er mit seinem Dreier das Feld für die 1-1-Spieler weit machen, vor allem aber ist er ein Kämpfer, der keinen Kontakt scheut und dahin geht, wo es weh tut.

Potenzieller Halbfinalist

Die Niederlage in Gießen unterstreicht, wo es noch hakt. Die Mannschaft macht zu Hause bislang einen extrem stabilen Eindruck, muss aber bei den Auftritten in fremden Hallen mehr Konstanz zeigen. Neben den erklärten Titelfavoriten aus München und Berlin sind die Ludwigsburger zusammen mit den EWE Baskets Oldenburg ein heißer Anwärter auf das Halbfinale. Es ist davon auszugehen, dass die MHP Riesen im Viertelfinale über das Heimrecht verfügen werden. Angesichts der Tatsache, dass sie zu Hause noch ungeschlagen sind, wird dies ein nicht zu unterschätzender Faktor sein.

Euer

15 Jan

Bonn steht unter Druck: Schicksalsspiel für Thomas Päch?

Bonn steht unter Druck: Schicksalsspiel für Thomas Päch?

20 Playoff-Teilnahmen in 23 BBL-Jahren stehen für die Telekom Baskets Bonn zu Buche. Dabei spielten die Rheinländer fünf Finalserien, von denen sie allerdings keine einzige gewinnen konnten. Aber am Samstag (ab 20.15 Uhr bei MagentaSport) steht in Gießen Abstiegskampf pur auf dem Programm. Seit dem hauchdünnen 77:76-Sieg zum Saisonauftakt gegen die Fraport Skyliners konnten die Bonner lediglich das Tabellenschlusslicht aus Weißenfels besiegen. Entsprechend hoch ist der Druck, nachdem zuletzt auch die Heimspiele gegen die angezählten Hamburger und Braunschweiger verloren wurden.

Mit Thomas Päch verpflichteten die Bonner im Sommer einen neuen Head Coach. Der 37Jährige steht, abgesehen von einem kurzen Intermezzo in Berlin, erstmals an vorderster Front. Seine Verpflichtung jetzt als einen Fehler zu klassifizieren, wäre unfair. Stattdessen haben die Bonner bei der Zusammenstellung des Kaders kein glückliches Händchen bewiesen. Hier liegt aus meiner Sicht die Ursache für viele Probleme. In welchen Bereichen ich Defizite sehe, möchte ich nun aufzeigen.

Breite statt Spitze

Die Bonner hatten sich zunächst bewusst für nur fünf Ausländer entschieden. Dies hatte den Vorteil, dass man national und international mit dem gleichen Team auflaufen konnte. Aber gibt es in dieser Mannschaft auch eine Hierarchie? Zehn Akteure spielen bislang zwischen knapp 17 und dem Höchstwert von 24.15 Minuten. Basketballspiele werden in der Spitze und nicht in der Breite entschieden. Die Telekom Baskets verfügten in der Vergangenheit immer wieder über Akteure, die den Unterschied machen konnten. Dafür muss man nicht alle Namen wie Derrick Phelps oder Sasa Nadfeji aufführen. Branden Frazier scheint am ehesten prädestiniert, die Rolle des Go-to-Guys übernehmen zu können. Aber wer außer ihm ist noch in der Lage, aus der Masse hervorzustechen? Angesichts dieses Dilemmas und aufgrund des medialen Drucks hat Sportdirektor Michael Wichterich zwei Nachverpflichtungen getätigt. Mit Alec Brown kam ein 2,16-Mann, der zuletzt in Russland spielte. Aber auch er ist ein Spieler, der sich vom Niveau her eher in die schon vorhandene Struktur einreiht. Zudem gilt er als mental und physisch soft, was man großen Teilen der Mannschaft ohnehin vorwirft. Aus meiner Sicht hätte Bonn ein etwas kleinerer, aber athletischerer Spieler unter den Körben deutlich besser zu Gesicht gestanden. Ein Typ wie Hassan Martin, der letzte Saison in Bayreuth spielte, hätte für mich mehr Sinn ergeben. Mit dem 33jährigen Geno Lawrence holte der Club auf der Spielmacherposition einen alten Bekannten zurück, der schon eher die im Abstiegskampf nötig Toughness verkörpert und dem Spiel mehr Struktur verleihen kann.

Die Altersstruktur

Wer in dieser Mannschaft ist hungrig? Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 29 Jahren. Sieht man vom 23Jährigen Stephen Zimmerman ab, der aber nur als Backup Verwendung findet, wurde der Altersschnitt mit den Neuzugängen sogar noch erhöht. Welcher Spieler in Bonn hat großes Verbesserungspotenzial? Diese Frage mag polemisch klingen, verdeutlicht aber einen Teil des Problems. Es spricht nichts gegen Erfahrung, aber gerade bei den neuen Ausländern dürfte dieser Talentlevel auch bei jüngeren Spielern zu finden gewesen sein.

Offensive und defensive Identität

Thomas Päch möchte in der Offensive die Ideen Aitos einbringen. Für die meisten Spieler dürfte dieser Ansatz mit Umstellungsproblemen verbunden sein. Verfügt die Mannschaft über die Spielertypen für diesen Basketball? Schlüsselfigur in Berlin ist Luke Sikma. Vielleicht hätte es Bonn gutgetan, Seth Hinrichs zu verpflichten, der als Power Forward über ähnliche Qualitäten verfügt, aber im Sommer in Ulm unterschrieb. Die Defensive ist aber eine noch größere Baustelle. Nur Aufsteiger Hamburg kassiert mehr Gegenpunkte als die Rheinländer, die 91,9 Zähler pro Begegnung zulassen. Aus dem Zweierbereich werfen die Kontrahenten 63,7 Prozent(!), auch weil keinerlei Rimprotection vorhanden ist (nur 0,7 Blocks pro Spiel). Diese Zahlen werfen die nächste Frage auf: Ist diese Mannschaft athletisch genug?

Schafft Päch den Befreiungsschlag?

Bislang haben die Telekom Baskets Bonn zwei Gesichter gezeigt. Auf der einen Seite stehen der sensationelle Pokalerfolg in München und überwiegend gute Vorstellungen in der Basketball Champions League, die untermauern, dass in dieser Mannschaft deutlich mehr steckt als sie bislang in der Liga gezeigt hat. Aber die Stimmung bei den Fans ist längst gekippt. Thomas Päch ist ein integrer und talentierter Coach. Es ist ihm zu wünschen, dass er das Schiff auf Kurs bekommt. Möglicherweise ist die Partie am Samstag in Gießen seine letzte Chance, das Ruder noch herumzureißen. Dass ausgerechnet jetzt die Bonner auch noch vom Verletzungspech heimgesucht werden, ist für dieses Unterfangen alles andere als hilfreich.

Euer

01 Jan

Warum sich die Euroleague nicht vor der NBA verstecken muss

Warum sich die Euroleague nicht vor der NBA verstecken muss

Noch nie war die Euroleague stärker als in dieser Saison. Hochkaräter wie Shane Larkin oder Nikola Mirotic versüßen den Fans des europäischen Basketballs unter der Woche die Zeit bis zu den nächsten Bundesligaspielen. Mit Meister Bayern München und dem Vize Alba Berlin spielen zwei deutsche Teams in der europäischen Eliteliga. Ich möchte beleuchten, was die Euroleague ausmacht, und die Frage beantworten, warum Sie sich vor der NBA nicht verstecken muss.

Der lebende Beweis: Luka Doncic

Ganz vereinfacht könnte die Antwort „Luka Doncic“ lauten.  Der 20jährige Slowene ist zum jetzigen Zeitpunkt neben James Harden, LeBron James und Giannis Antetokounmpo ein MVP-Kandidat in jener Liga, die mit grenzenlosen Selbstvertrauen ihren Meister zum „World Champion“ kürt. Kein Spieler verdeutlich stärker als das europäische Wunderkind, wie nah der Spitzenbasketball auf dem Alten Kontinent der einstmals in eigenen Sphären schwebenden nordamerikanischen Profiliga gekommen ist. Doncic wurde in Europa groß und gewann 2018 mit Real Madrid die Euroleague, wobei er im Saisonverlauf 16 Punkte, 4,8 Rebounds und 4,3 Assists erzielte. Seine aktuellen Zahlen in der NBA sind schlicht und einfach herausragend: 29,0 Punkte, 9,5 Rebounds und 8,9 Assists. Auf der einen Seite kommen diese Werte zustande, weil die Spielzeit acht Minuten mehr als in Europa beträgt, andererseits befindet sich Doncic in einem Alter, in dem er sich noch ständig verbessert. Aber letztendlich untermauern Sie vor allem Eines: Die Euroleague ist verdammt nahe am NBA-Niveau dran.

Individuelles Talent versus taktische Komplexität

Die besten Spieler der Welt tummeln sich in der NBA, aber der beste Basketball der Welt wird in der Euroleague gespielt – das klingt überspitzt, aber es lassen sich durchaus Argumente für diese Aussage finden. Natürlich ist der individuelle Talentlevel in der NBA weiterhin unerreicht, insbesondere im athletischen Bereich versammelt sich dort das Nonplusultra. Aber in einem Euroleague-Spiel ist jede Sequenz hoch umkämpft, anders als in der NBA, wo die Intensität deutlich volatiler ist. Das kommt auch daher, dass es in Europa weniger Partien gibt und somit jede einzelne eine größere Bedeutung gewinnt. Die Hauptrunde in der NBA umfasst 82 Spiele, was dazu führt, dass die Stars auch hier und da geschont werden. Load Management in der Euroleague? Fehlanzeige!

Starke Verteidigung spielt in Europa eine deutlich wichtigere Rolle. Die taktische Komplexität ist größer als in der NBA, wo das 1-1 stärker im Vordergrund steht. Das erkennen mittlerweile auch die Amerikaner an. Als Larry Brown, der als einziger Coach einen College- und NBA-Titel gewonnen hat, in der vergangenen Saison im Alter von 77 Jahren in Turin erstmals in Europa coachte, sagte er: „Allgemein wird angenommen, dass die besten Coaches Amerikaner sind. Jedes Mal, wenn ich ein Eurocup- oder Euroleague-Spiel sah, musste ich darüber lachen, weil mich das Niveau des Coachings so sehr beeindruckte.“ Die Rolle der Amerikaner als Lehrer und die der Europäer als Schüler ist längst aufgebrochen zugunsten eines Transfers in beide Richtungen. Spätestens die WM in China im September öffnete den letzten Unbelehrbaren die Augen. Die – wenn auch ohne absolute Topstars angetretene – NBA-Auswahl der USA belegte einen enttäuschenden 7. Platz.

Europa holt auch finanziell auf

Die Euroleague hat sich mittlerweile so gut etabliert, dass auch etablierte NBA-Profis nach Europa kommen bzw. zurückkehren. So gelang es den Bayern, mit dem 29Jährigen Greg Monroe einen gestandenen NBA-Center (Karrierewerte 13,2 Punkte und 8,3 Rebounds) im besten Basketballalter nach München zu lotsen. Das prominentestete Beispiel ist aber Nikola Mirotic. Der 28Jährige unterschrieb nach fünf produktiven Jahren in Nordamerika einen Dreijahresvertrag in Barcelona, der ihm angeblich 4,5 Millionen Euro netto pro Saison einbringen soll. Qualität kostet Geld. In der Euroleague ist genügend Geld vorhanden, und entsprechend hoch ist das sportliche Niveau. Die Topteams agieren mit Budgets von über 40 Millionen Euro. Davon ist sind die Münchner mit geschätzten 23 Millionen Euro Etat noch weit entfernt, während die Berliner mit (ebenfalls geschätzten) 11 Millionen nur noch von Roter Stern Belgrad unterboten werden.

Mit den Big Men Johannes Voigtmann (ZSKA Moskau) und Tibor Pleiß (Anadolu Efes Istanbul) stehen zwei deutsche Akteure bei ausländischen Euroleague-Topteams unter Vertrag. Am 27jährigen Voigtmann waren im Sommer auch die Washington Wizards aus der NBA interessiert. Doch der Ex-Frankfurter zog es vor, für 1,1 Millionen Euro netto pro Spielzeit aus dem spanischen Vitoria zum amtierenden Champion der Euroleague zu wechseln. Auch diese Entscheidung zeigt, wie die sportliche, organisatorische und auch monetäre Qualität der europäischen Königsklasse bewertet wird.

Quo vadis?

Mit dem aktuellen Format von 18 Mannschaften und den damit verbundenen 34 Hauptrundenspieltagen ist die Euroleague an eine Grenze gestoßen. Mehr geht nicht. Es sei denn, ihre Teams spielen nicht mehr in den nationalen Wettbewerben. Dieses Szenario ist aber leider nicht unrealistisch. Bereits jetzt verfügen elf Teams über sogenannte A-Lizenzen. Das bedeutet, dass sie sich sportlich nicht qualifizieren müssen. CEO Jordi Bertomeu wird diese Zahl weiter erhöhen und eine Qualifikation über die nationalen Ligen komplett ausschließen. Eine geschlossene Gesellschaft wie in der NBA passt nicht in die europäische Sportlandschaft, aber die Euroleague nähert sich in vielen Bereichen dem großen Vorbild an.

Ich wünsche Euch ein glückliches und gesundes 2020.

Euer

17 Dez

Bennet Hundt trotzt dem Trend

Bennet Hundt trotzt dem Trend

Nick Calathes ist 1,98 Meter groß. Der Grieche ist mit seiner Länge eine Art Prototyp des modernen Spielmachers im europäischen Spitzenbasketball. Mit 8,8 Assists führt er die Euroleague bei den Korbvorlagen an, in der vergangenen Spielzeit wurde er zum besten Spieler auf seiner Position gewählt. Doch im mit Spannung erwarteten griechischen Duell gegen Olympiakos Piräus in der vorletzten Woche stahl ihm sein Back-up bei Panathinaikos Athen die Schau. Mein Ex-Spieler Tyrese Rice erzielte im griechischen Euroleague-Derby 41 Punkte. Dabei ist er mit einer Größe von nur 1,80 Meter beinahe schon ein antiquierter Gegenentwurf in einer Zeit, in der die Spieler auf den Guard-Positionen immer größer werden. Aber ist es gibt genug Beispiele, dass herausragende Akteure mit überschaubarer Körpergröße dem Spiel ihren Stempel aufdrücken können. Der nur 1,67 Meter große David Holston, ebenfalls ein ehemaliger und ganz besonderer Spieler von mir, gewann in der vergangenen Saison den Titel des wertvollsten Spielers in Frankreich. Vor allem aber ist der derzeit beste Basketballer in Europa ebenfalls kein Riese. Shane Larkin von Anadolu Efes Istanbul misst 1,80 Meter und erzielte neben seinen konstanten herausragenden Leistungen vor zwei Wochen mit 49 Punkten gegen Bayern München einen fantastischen Euroleague-Rekord.

Sprössling einer Basketballfamilie

Auch in Deutschland sorgt ein junger Akteur, der gerade einmal 180 cm misst, für Furore. Bennet Hundt, von der BG Göttingen, gehört zu den Entdeckungen der Saison und ist ein legitimer Kandidat für die Auszeichnung des besten Nachwuchsspielers. Bislang legt er starke 12 Punkte und 5,3 Assists auf. Der 21Jährige stammt aus einer basketballverrückten Familie. Sein Vater spielte in der 2. Liga, seine Mutter – genauso wie deren Schwester und Bruder – in der Jugendnationalmannschaft. Sein älterer Bruder Jannes läuft aktuell für den Zweitligisten Artland Dragons auf. „Ich war von klein auf in Hallen, Basketball war immer ein Thema in unserer Familie“, erinnert er sich. Hundt ist in Berlin aufgewachsen, entschied sich aber im Sommer dazu, die Hauptstadt und das Programm von Alba zu verlassen: „In Berlin gab es keinen wirklichen Platz. Es war an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen.“

Längennachteile wettmachen

In Göttingen erhält er Vertrauen und Spielzeit. Dass Hundt, der bei U20-EM 2018 die Bronzemedaille gewann, aber so einschlagen würde, hatte trotz seines guten Basketball-IQs und seiner exzellenten Arbeitseinstellung kaum jemand erwartet. Defensiv ist der Linkshänder ein unangenehmer Gegenspieler, der es als Kompliment empfindet, dass ihm eine Terrier-Mentalität nachgesagt wird. „Ich muss meinen Größennachteil durch Kampf, Energie und Einsatz wettmachen und dabei meinen tiefen Körperschwerpunkt nutzen“, erläutert er. Hundt glaubt, dass man als kleiner Spieler mental stark sein muss, vor allem aber sehr aufmerksam, dass man in der Verteidigung nicht in schwierige Positionen gebracht wird.

„Das Maximale herausholen“

Sein Credo ist es, in allen Dingen besser zu sein, die nichts mit Größe zu tun haben: Dribbeln, passen, werfen. „Ich sehe auch meine Vorteile. Ich bin wendiger und kann tiefer attackieren“, sagt Hundt, der es nicht als problematisch empfindet, ein kleiner Basketballer zu sein: „Das fällt mir gar nicht mehr auf. Ich war schon immer der Kleinste.“ Trotz dieses vermeintlichen körperlichen Nachteils gehörte seine Liebe von Kindesbeinen an dem Basketball, auch wenn er sich beim Fußball und Tennis versuchte. Echte Vorbilder habe er keine gehabt, aber heute wie damals liegt sein Fokus auf den kleinen Spielern, wenn er sich eine Partie ansieht. Aktuell schaut er sich gerne Dinge bei Facundo Campazzo (Real Madrid) und Ali Muhammed (Fenerbahce Istanbul) ab, um seine Entwicklung voranzutreiben: „Ich möchte mich verbessern. Am Ende will ich sagen können, dass ich das Maximale herausgeholt habe.“ Wenn er weiterhin auf dem bislang gezeigten Niveau agiert, dürften die Interessenten im Sommer Schlange stehen.

Euer

27 Nov

Die Bedeutung von Lo, Zipser und Barthel für die Bayern

Die Bedeutung von Lo, Zipser und Barthel für die Bayern

Wer in der Euroleague antritt, benötigt einen tiefen und qualitativ hochwertigen Kader. Das war auch den Verantwortlichen des Deutschen Meisters Bayern München bewusst, als sie im Sommer eine Mannschaft zusammenstellten, die der Doppelbelastung der europäischen Eliteklasse und der Bundesliga gerecht werden sollte. Zwölf Spieler dürfen pro Begegnung eingesetzt werden.14 Akteure stehen in München unter Vertrag, die man auf diesem Niveau einsetzen kann. Ein Kader, wie es ihn bei einer deutschen Mannschaft noch nie gab. Dennoch spüren die Bayern schon jetzt, wie anstrengend diese Saison mit mindestens 67 Pflichtspielen sein wird. Mit dem neuen Spielmacher T.J. Bray und dem NBA-erfahrenen Forward Josh Huestis haben zwei Schlüsselfiguren verletzungsbedingt noch kein einziges Spiel bestritten. Bei Bray wird es wohl bis Ende des Jahres dauern, bevor an erste Ansätze zu denken ist. Huestis Rückkehr ist ein Mysterium. Immer wieder gab es Meldungen, dass er kurz vor dem Comeback stünde. Bewahrheitet haben sie sich bislang nicht. Zuletzt musste dann auch noch der zuverlässige Nihad Djedovic mit einer Kniereizung passen.

In der Euroleague muss man auswärts gewinnen

Doch das große Ziel der Playoff-Teilnahme in der Euroleague können die Bayern nur mit voller Kapelle erreichen, und wenn sie es schaffen, auswärts zu gewinnen. Der Deutsche Meister holte seine vier Siege ausschließlich zu Hause (leistete sich aber auch schon zwei Heimniederlagen) und landete dabei den Prestigeerfolg gegen Real Madrid. Auf fremdem Terrain sind die Schützlinge von Dejan Radonjic aber noch sieglos. Genau hier dürfte sich die Spreu vom Weizen trennen. Die Mannschaften, die auch auswärts gewinnen können, werden in die Playoffs einziehen.

Die Münchner haben kräftig aufgerüstet, aber Gleiches gilt für fast alle Euroleague-Teams. Die Qualität ist so hoch wie noch nie zuvor. Da tut es besonders weh, dass mit Bray ausgerechnet der Starter auf der Königsposition länger ausfällt. Auf der anderen Seite hat Maodo Lo die Chance beim Schopf ergriffen. Der Nationalspieler zeigt sich in einer blendenden Verfassung und legt wieder jene Leichtfüßigkeit an den Tag, die ihm zwischenzeitlich einmal abhandengekommen zu sein schien. Ob er es allerdings bis zum Jahresende schafft, diese Rolle auszufüllen, ist fraglich, auch weil der als Bray-Ersatz verpflichtete DeMarcus Nelson bislang nur partiell überzeugen konnte. Dennoch verneinen die Bayern Spekulationen, dass sie auf dieser Position noch nach einer Verstärkung Ausschau halten.

Am Brett hingegen sind die Münchner stark aufgestellt. Greg Monroe findet sich immer besser im europäischen Basketball zurecht. Der in neun NBA-Spielzeiten gestählte Center entwickelt sich zu einer dominanten Figur und zeigt zudem als Passgeber ungeahnte Fähigkeiten. Aber der Kader der Bayern ist nicht komplett auf den kurzfristigen Erfolg getrimmt. Mit dem Franzosen Mathias Lessort (24 Jahre) und dem Italiener Diego Flaccadori (23 Jahre) haben zwei Ausländer ihren Platz eher über vielsprechende Perspektiven als über aktuelles Euroleague-Niveau gefunden. Umso wichtiger sind die Leistungen der drei deutschen Nationalspieler Maodo Lo, Paul Zipser und Danilo Barthel.

Maodo Lo

Maodo Lo spielt den besten Basketball seiner Karriere und ist momentan der wichtigste Mann der Bayern. Wie er seit Saisonbeginn den Ausfall von T.J. Bray in der Euroleague kompensiert, ist beeindruckend. Seine Dreierquote ist herausragend. Der 26Jährige kommt mit seiner Leichtfüßigkeit zum Korb und kann sich den Dreier aus dem Dribbling kreieren. Mir gefällt nicht nur extrem gut, wie er sich bei diesen Aktionen präsentiert, sondern auch danach. In einer Zeit, in der die Selbstdarstellung mit übertriebener Gestik und Mimik zum Standard gehört, in der ein echter oder vermeintlicher Swagger zur Schau gestellt werden muss, empfinde ich seine bescheidene Zurückhaltung als äußerst angenehm. Die Leistungen des Guards sind ein Thema in Europa. Dementsprechend dürfte die von den Bayern angestrebte Vertragsverlängerung nicht einfach werden.

Paul Zipser

Angesichts der Verletzungsproblematik in der jüngeren Vergangenheit kam es nicht überraschend, dass die WM für Paul Zipser nur suboptimal verlief. Aber der Richtungspfeil zeigt jetzt wieder gen Norden. Der 25Jährige ist kein Spezialist, sondern eher ein Schweizer Taschenmesser, bei dem langsam aber sicher alle Klingen wieder an Schärfe gewinnen. Zipser kann offensiv wie defensiv drei verschiedene Positionen spielen. Als großer Zweier kann im Low Post Schaden anrichten, als Small-Ball-Vierer Close-outs effektiv attackieren, so dass ihn Dejan Radonjic von seiner Stammposition Small Forward bedenkenlos nach unten oder oben schieben kann. In der BBL ist er bester Scorer und effektivster Spieler der Bayern, und auch international spielt er sich immer mehr in den Vordergrund.

Danilo Barthel

Glue Guy – dieser Begriff wurde in meiner Erinnerung im deutschen Basketball erstmals für den heutigen Bundestrainer Henrik Rödl verwendet. Er definiert einen Spieler, der eine Mannschaft zusammenhält, weil er nicht für das Spektakuläre verantwortlich zeichnet, sondern als „Klebstoff“ die Teile dadurch miteinander verbindet, indem er alle (vermeintlichen) Kleinigkeiten richtig macht. Genau dieser Typ ist in meinen Augen Danilo Barthel für die Bayern. Viele hätten ihn bei der WM gerne häufiger auf dem Parkett gesehen, aber die Konkurrenz auf den großen Positionen war enorm. Barthel kann im Prinzip jeden Power Forward aufposten. Er hat den Körperschwerpunkt immer da, wo er hingehört, verfügt über gute Fußarbeit, geduldige Täuschungen und die Fähigkeit am Ring mit beiden Händen abzuschließen. Barthel ist ein Souverän auf dem Feld, ohne dass er permanent Aktionen setzen muss. Der 28Jährige ist der gestandene Kapitän einer Meistermannschaft, der über die Klasse verfügt, jederzeit dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken.

Lo, Zipser und Barthel tragen ganz entscheidend zur Qualität der Münchner bei. Das DBB-Trio steht in der Crunch-Time nicht in der zweiten Reihe, sondern übernimmt Verantwortung und wird dieser auch gerecht. Vor allem Maodo Lo brilliert in diesen Momenten mit seinen technischen Fertigkeiten und seiner Nervenstärke. Er hat das Zeug zu einem echten Clutch-Player.

Euer

10 Nov

Crailsheim überrascht mit hungriger Mannschaft und Teamplay

Crailsheim überrascht mit hungriger Mannschaft und Teamplay

In der vergangenen Saison gehörten Rasta Vechta die Schlagzeilen. Der Aufsteiger aus der niedersächsischen Provinz kreierte einen eigenen Stil und schloss die Spielzeit sensationell auf Platz vier ab. Der zweite Neuling, die Hakro Merlins Crailsheim, flogen hingegen fast die gesamte Saison unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung. Lediglich am letzten Hauptrundenwochenende stand das Team im Rampenlicht, als es den fast schon sicheren Abstieg durch zwei Siege in Jena und gegen Oldenburg verhinderte. Den letzten Spieltag am 12. Mai bezeichnet Head Coach Tuomas Iisalo gerne als „magischen Tag“. Aber auch diese Einschätzung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Crailsheimer nur mit viel Glück und in letzter Sekunde dem Abstieg entgehen konnten. Die Mannschaft war überaltert und wenig athletisch.

Entsprechend entschieden sich Sportdirektor Ingo Enskat und sein finnischer Cheftrainer bei der Zusammenstellung des neuen Kaders zu einer Radikalkur. Mit DeWayne Russell und Sebastian Herrera blieben lediglich zwei Akteure der Vorsaison. Auf der Bank wird der 37jährige Iisalo jetzt von seinem vier Jahre jüngeren Bruder Joonas assistiert. Die Umstrukturierung ist offensichtlich erfolgreich. Nach fünf Spieltagen standen die Hakro Merlins Crailsheim ungeschlagen an der Tabellenspitze. Zwar gab es zuletzt zwei Niederlagen gegen starke Oldenburger und Ludwigsburger, aber den positiven Gesamteindruck kann das nicht eintrüben.

Radikale Verjüngungskur

Für den Head Coach war die neue Zusammenstellung eine bewusst gewählte Herausforderung. „Tuomas ist ein analytischer und taktischer Trainer. Vielleicht hat er deshalb zuvor eher zu erfahrenen Spielern tendiert. Aber jetzt hat er viel Spaß mit dieser hungrigen Mannschaft, die alles aufsaugt“, sagt Enskat, der gerne darauf verweist, dass die Mannschaft mit einer enormen Intensität trainiert. Nachdem Crailsheim in der Vorsaison die älteste Truppe stellte, ist im aktuellen Team kein Spieler älter als 26 Jahre. Bei den neuen Ausländern achtete man besonders auf Athletik und Verteidigungsqualitäten. Defensiv ist die Mannschaft tatsächlich solide, aber trotz ihrer vielen Ballgewinne brilliert sie bislang noch mehr mit ihrer Offensive. Mit 94,1 Punkten pro Partie legen die Iisalo-Schützlinge nur ganz knapp hinter Berlin den zweitbesten Wert der Liga auf.

Ihre beeindruckendsten Auftritt hatten sie am dritten Spieltag in Bonn, wo sie den Gastgebern beim 82:114 die höchste Heimniederlage der Vereinsgeschichte zufügten. Wie hoch diese Leistung zu bewerten ist, zeigte sich zwei Tage später, als die Bonner völlig überraschend den Deutschen Meister Bayern München aus dem Pokalwettbewerb warfen.

Extrapässe und Dreier

Der Crailsheimer Angriff zeichnet sich in erster Linie durch schnelle Ballbewegung aus. Mit uneigennützigem Passspiel werden immer wieder die guten Werfer in Position gebracht. Dabei erinnert die Offense ein wenig an die Bamberger unter Andrea Trinchieri. Über eine Penetration oder ein Pick and Roll wird ein erster Vorteil kreiert, der über Extrapässe weiter ausgebaut wird.

Grundsätzlich muss man gegen Crailsheim die Dreipunktelinie kontrollieren. Kein Team punktet häufiger von Downtown als die Hohenloher. Mit 41,2% ist die Quote gut, vor allem wenn man bedenkt, dass die Merlins mehr als 30 Dreier pro Partie nehmen.

Aufsteiger Herrera

Für die Spieler selbst scheinen die Erfolge nicht überraschend zu kommen. Bereits nach dem Auftaktsieg in Gießen sagte der junge Kapitän Herrera, dass aus seiner Sicht die neue Mannschaft von der ersten Sekunde an „geklickt“ habe. Der Sohn einer deutschen Mutter und eines chilenischen Vaters ist einer der Aufsteiger der ersten Saisonwochen. 2014 spielte er mit der chilenischen Jugendnationalmannschaft ein Turnier in Deutschland, womit seine Karriere im Heimatland der Mutter begann. Über Trier führte sein Weg nach Crailsheim, wo er in seiner ersten Bundesligasaison 4,5 Punkte pro Partie erzielte und als ein reiner Dreipunktespezialist galt. In den ersten sieben Spielen der aktuellen Spielzeit gelangen ihm 15,3 Zähler im Schnitt mit einer surrealen Dreierquote von 64,3%. Aber Herrera ist nicht nur als Scorer aufgetreten. In Sommer arbeitete er hart daran, seinem Repertoire neben dem Distanzwurf weitere Dimensionen hinzuzufügen. „Seba hat sich vor allem defensiv stark verbessert“, lobt Enskat den Deutsch-Chilenen.

Mittelfristig fehlt die Basis

Hungrig, uneigennützig und wurfstark – die Crailsheimer Mannschaft präsentiert sich bislang hochfunktional. Für einen mittelfristigen Höhenflug sind die Voraussetzungen aber nicht gegeben. Mit nur 34 000 Einwohnern verfügt die Stadt im fränkisch geprägten Nordosten Baden-Württembergs über keine ausreichende Basis. Die außerhalb gelegene Arena Hohenlohe ist eine Mehrzweckhalle, in der auch Viehauktionen stattfinden. Entsprechend gehört für den jahrelangen Macher Martin Romig eine neue Spielstätte zu den wichtigsten Themen. Auch wenn der Crailsheimer Höhenflug nach den letzten beiden Niederlagen erst einmal gestoppt ist: Der Aufstand des kleinen gallischen Dorfes bietet eine Facette, die der Liga guttut.

Euer

27 Okt

Hundt, Herrera, Braunschweig und Crailsheim

Hundt, Herrera, Braunschweig und Crailsheim

Zum ersten Mal in dieser Saison beantworte ich eure Fragen. Vielen Dank für eure Einsendungen. Final sind es dann nur drei Fragen geworden, weil es mir wichtiger war, ausführlich zu antworten als viele Themen nur kurz anzureißen.

Welcher 21Jährige überrascht Dich mehr: Göttingens Bennet Hundt als bester Assistgeber der Liga oder Sebastian Herrera als effektivster Spieler des Überraschungszweiten Crailsheim?

Beide überraschen mich positiv. Aber um die Frage zu beantworten: Seba Herrera noch mehr als Bennet Hundt. Bei dem Ex-Berliner hatte ich eine Vorstellung, was er zu leisten im Stande ist. Ich habe ihn als Jugendnationalspieler und bei seinen Einsätzen mit den Albatrossen verfolgt. Mir war bewusst, dass er seine geringe Körpergröße mit einem hohen Maß an physischer und mentaler Toughness ausgleichen kann. Der Linkshänder ist von seiner Einstellung her der Traum eines jeden Coaches. Ich hätte aber nicht erwartet, dass es so herausragend für ihn in Göttingen laufen würde. Er ist im Moment der wichtigste Spieler bei den Niedersachsen.

Herrera ist ein Basketballer, der bislang unter dem Radar, auch unter meinem persönlichen, geflogen war. Okay: chilenischer Nationalspieler, aber in seiner ersten Saison im Oberhaus war er eher unauffällig unterwegs. Der 21Jährige war als reiner Shooter abgestempelt. Aktuell zeigt er, wie viel mehr er auf dem Kasten hatten. Herrera attackiert den Korb auch mit seiner vermeintlich schwächeren linken Hand effektiv. Dazu kommt seine Steigerung in der Verteidigung, wo er sowohl im 1-1 als auch in der Teamdefense im Vergleich zur Vorsaison draufgepackt hat. Das alles spricht für harte Arbeit im Sommer. Seine Berufung zum Kapitän zeigt, welche Bedeutung er für Tuomas Iisalo schon hat. Hundt und Herrera sind talentierte Spieler, aber ihr Charakter und ihre Mentalität sind noch bemerkenswerter.

Wie schätzt Du Braunschweigs Mischung aus Veteranen und jungen deutschen Spielern nach den ersten Spielen ein?

Braunschweig gefällt mir sehr gut. So wie die Mannschaft bislang gespielt hat, verfügt sich über Playoff-Potenzial. Zur Mischung: Mit Scott Eatherton steht auf der Veteranenseite ein konstanter Performer, der starke Zahlen auflegt. Der Center ist der beste und wichtigste Spieler, aber aufgrund seines ruhigen Naturells fordert er keine große Aufmerksamkeit, was dem Team von Pete Strobl sehr guttut. Trevor Releford hat mich schon beim MBC beeindruckt. Der neue Point Guard spielt sehr abgeklärt und ist sich auch nicht zu schade, in der Verteidigung seinen Job zu verrichten. Seine Playmaking-Qualitäten entlasten ohne Frage Thomas Klepeisz, der für mich der dritte wichtige Veteran der Löwen ist. Der Österreicher ist ein gutes Vorbild für die jungen Deutschen, weil er sich über Arbeit stetig verbessert hat und ihnen auch als Ansprechpartner in der Muttersprache zur Verfügung stehen kann.

Kommen wir zu den jungen Spielern: Lars Lagerpusch ist das Eigengewächs. Er dürfte aber auch mittelfristig nicht über eine kleine Rolle hinauskommen. Lukas Wank und Garai Zeeb sind Konkurrenten auf der Guardposition. Bislang sind beide solide aufgetreten und haben zusammen mehr als 30 Minuten pro Partie auf dem Parkett gestanden. Das ist mehr als ich erwartet hätte.

Die Kronjuwelen heißen aber Kostja Mushidi und Karim Jallow. Mushidi füllt die Rolle des Scorers von der Bank exzellent aus und markiert 13 Zähler in 17 Minuten. Diese Aufgabe scheint ihm zu liegen. Obwohl er vom Talentlevel her ein Starter gewesen wäre, wurde er teilweise schon in den Jugendnationalmannschaften so eingesetzt. Dazu kommt, dass er für einen Guard exzellent reboundet und keine Angst vor großen Würfen hat, was der Gamewinner gegen Ulm unterstreicht. Er kann genauso wie Karim Jallow ein Leistungsträger werden. Im Prinzip sind es beide schon, es fehlt noch die Bestätigung über einen längeren Zeitraum. Jallow wirft 50% aus dem Feld und schafft es mit seiner Athletik immer wieder, an die Freiwurflinie zu gehen. Der 22Jährige ist vielseitig und kann in einer Smallball-Formation den Power Forward spielen.

Fazit: Die Braunschweiger Mischung gefällt mir ausgesprochen gut!

Ist Crailsheim wirklich richtig gut oder sorgt für den zweiten Tabellenplatz vor allem das leichte Auftaktprogramm mit Gießen, Bayreuth, Bonn und Göttingen?

Ich schließe mit dieser Frage, weil es die ist, die mir aktuell mit Abstand am häufigsten gestellt wird.

Sicherlich war das Crailsheimer Auftaktprogramm nicht sonderlich schwer, aber die Art und Weise wie die Mannschaft aufgetreten ist, hat mir imponiert. Das ist guter Teambasketball mit uneigennützigem Passspiel. Natürlich nimmt Crailsheim extrem viele Dreier, was die Frage aufwirft, was passieren wird, wenn die Quoten Richtung Süden tendieren. Aber die Mannschaft hat noch andere Anker. Derzeit sind die Merlins die Nummer 1 bei den Steals und die Nummer 2 bei den offensiven Rebounds. Der Paradigmenwechsel zeigt Wirkung. Diese hochfunktionale und hungrige Mannschaft ist für mich näher an den Playoffs als am Abstiegskampf.

Euer

14 Okt

Erste Einschätzungen nach drei Spieltagen

Erste Einschätzungen nach drei Spieltagen

Spanien ist das Maß aller Dinge im (europäischen) Basketball. In diesem Jahr gewannen die Iberer die Europameistertitel bei der U16 und der U18. Lediglich bei der U20 wurde es „nur“ der Vizetitel nach der Finalniederlage gegen Gastgeber Israel. Die spanischen Herren krönten den Sommer mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft in China. Die Titel im Jugendbereich sind letztendlich nur ein Nebenprodukt, denn die Spanier bewerten in diesen Altersklassen die Spielerentwicklung höher als Titel.

Mit Aíto Garcia Reneses und Pedro Calles gewannen zuletzt zwei spanische Trainer die Auszeichnung „Coach of the Year“ in der BBL. Dafür waren natürlich die Erfolge Grundlage, aber es darf auch bemerkt werden, dass beide Basketballlehrer der Spielerentwicklung eine große Bedeutung zuweisen und einen Stil pflegen, der sich vom Mainstream absetzt. Aber 2019/2020 sind auch zwei spanische Spieler in der Liga aktiv. Die heißen zwar nicht Gasol, Rubio oder Hernangomez, aber der von Vechta ausgeliehene Sergi Garcia war immerhin U16- und U20-Europameister. Der Bamberger Neuzugang Aleix Font ist ebenfalls Guard und mit 21 noch ein Jahr jünger als Garcia. Auch er ist eine Leihgabe und gilt als großes Talent. Die Rechte von Garcia und Font liegen bei den Euroleagueteams Valencia und Barcelona. Von einem Trend zu sprechen, wäre zu früh, auch wenn ALBA schon 2017 mit dem Serben Stefan Peno ein Leihmodell mit dem FC Barcelona praktizierte. Zudem gibt es erst Nachahmer, wenn ein Projekt erfolgreich ist. Font hat noch keine Minute gespielt, während Garcia mit seiner Übersicht zu gefallen weiß, andererseits aber bislang auch katastrophale Wurfquoten aufweist.

Bester deutscher Nachwuchsspieler U22?

In der vergangenen Spielzeit ging diese Auszeichnung an den erst 17jährigen Franz Wagner, der als „Titelverteidiger“ aber ausfällt, weil er sich für einen Wechsel an die University of Michigan entschieden hat. Kommt sein Nachfolger auch aus Berlin, schafft es Jonas Mattiseck, Wagner zu beerben? Durch die Verletzungen auf den Guardpositionen hat der Linkshänder bislang viel spielen dürfen und dabei absolut überzeugt. Mit Bennet Hundt erhält ein Ex-Albatros jetzt in Göttingen seine erste große Bewährungschance. Bislang legt der 21Jährige 13 Punkte und den Ligabestwert von 9,7 Assists auf! Das ist deutlich mehr als man erwarten durfte. Kostja Mushidi etabliert sich in Braunschweig als Scorer von der Bank (13 Punkte in 16 Minuten Spielzeit) und reboundet dank seiner Athletik für einen Guard ganz ausgezeichnet. Louis Olinde (Bamberg) könnte endlich seinen lang erwarteten Durchbruch schaffen. Am Wochenende war er beim MBC der Matchwinner. Ariel Hukporti hatte ich auch auf dem Schirm, aber leider fällt das Ludwigsburger Centertalent derzeit verletzt aus. Philipp Herkenhoff, konnte sich bereits in den Playoffs der vergangenen Saison als echter Leistungsträger in Vechta etablieren und war deshalb vor Saisonbeginn mein Favorit für die Auszeichnung. Bislang konnte der 20Jährige aber noch nicht an diese Leistungen anknüpfen. Es verspricht ein spannendes Rennen um den Titel bester deutscher Nachwuchsspieler U22 zu werden!

Gewinner und Verlierer des Transfersommers

Die Bayern haben mit Greg Monroe an der Spitze weiter aufgerüstet. Das ist ein bärenstarkes Aufgebot, aber gibt es darin auch einen echten Floor General auf Euroleague-Niveau? Bonn hat mit Joshiko Saibou und Benjamin Lischka zwei deutsche Qualitätsspieler hinzubekommen. Das sieht erst einmal sehr gut aus, aber dafür gehen die Rheinländer genauso wie die Fraport Skyliners nur mit fünf Ausländern ins Rennen. Der letzte Auftritt der Bonner gegen Crailsheim war unterirdisch und gibt Anlass, die Qualität der neuen Ausländer zumindest zu hinterfragen.

Schaut man auf die verbesserte Tiefe heißt der Gewinner womöglich Oldenburg. Angesichts der Eurocup-Teilnahme mussten die Verantwortlichen an der Hunte personell zulegen. Mit dem Deutsch-Amerikaner Kevin McClain und Robin Amaize ist aus einer Achtmann- eine Zehnmannrotation geworden, was sich auch in der Liga auszahlen sollte.

In Weißenfels und vor allem in Crailsheim hat man offensichtlich gute Personalentscheidungen getroffen. Mit überschaubaren Budgets wurden an beiden Standorten hochfunktionale Teams zusammengestellt, die sich eher im Playoffrennen als im Abstiegskampf wiederfinden sollten. Auch Braunschweig sieht bislang sehr gut aus. Neben talentierten und hungrigen deutschen Spielern hat man mit Trevor Releford einen starken Pointguard verpflichten können.

Die JobStairs Giessen 46ers sind ein Verlierer der Personalrochaden. Mit Benjamin Lischka und Mahir Agva verloren die Hessen ihre nach John Bryant wichtigsten deutschen Spieler, ohne Ersatz dafür verpflichten zu können. Es scheint eher unwahrscheinlich, dass die Youngster Bjarne Kraushaar und Alen Pjanic schon in der Lage sein werden, diese Lücken komplett zu schließen. Die neuen Ausländer sind zwar athletisch, aber im europäischen Spielstil nur bedingt zu Hause. Auch RASTA Vechta musste erheblich bluten und verlor sein Startrio um T,J. Bray, Austin Hollins und Seth Hinrichs. Vor allem in der Offensive werden die Marley-Jünger diesen Verlust nicht so einfach verkraften können. Trotzdem sehe ich Vechta aber nicht als Abstiegskandidaten.

Euer

23 Sep

Vor dem Saisonstart: Auf diese Spieler solltet ihr achten

Vor dem Saisonstart: Auf diese Spieler solltet ihr achten

Ein Dienstag als Saisonstart – dies ist genauso gewöhnungsbedürftig wie das vorübergehende Format mit 17 Mannschaften.  Aber das sind nicht mehr als Randnotizen angesichts der Spieler, auf die wir uns freuen dürfen.

Der Dauerbrenner und der Rückkehrer

Beginnen wir mit dem Phänomen: Der ewige Rickey Paulding ist mittlerweile der älteste Spieler der Liga. Aber angesichts seiner Leistungen ist er kein Oldie, sondern ein Evergreen. Seit zwölf Jahren läuft der Amerikaner im Oldenburger Trikot auf und hat nicht nur wegen dieses langen Zeitraums einen immensen Einfluss auf die Liga gehabt. Paulding war Meister und Pokalsieger und wird von den Fans an allen Standorten verehrt, was die dreimalige Auszeichnung als Most Likeable Player unterstreicht.

Ich kann euch nur raten: Habt auch in dieser Spielzeit wieder ein Auge auf den Methusalem der Liga, der mit seinen 36 Jahren älter ist als die beiden Head Coaches Sebastian Gleim (Frankfurt) und Pedro Calles (Vechta).

Letzteres gilt auch für Heiko Schaffartzik, den Rückkehrer der Saison, zu dem die Öffentlichkeit allerdings ein deutlich ambivalenteres Verhältnis als zum Oldenburger Forward pflegt. Aber schreien nicht immer alle nach sogenannten Typen, nach Spielern, die sich aus der Konformität der Masse abheben? Heiko ist ein solcher Spieler – und ich weiß, wovon ich schreibe, denn ich durfte ihn coachen. Der gebürtige Berliner ist geradlinig, risikofreudig und kann ein Spiel drehen. Ich freue mich jedenfalls riesig, dass er mit 35 Jahren und nach vier Spielzeiten im Ausland noch einmal den Weg zurück nach Deutschland gefunden hat. Welcome back, Heiko!

Mit Assem Marei, der nach seinem einjährigen Türkei-Intermezzo in Bamberg nun seine zweite fränkische Station vor der Brust hat, gibt es einen weiteren interessanten Rückkehrer, aber in seiner Bedeutung reicht er nicht an Schaffartzik heran.

Die interessantesten Newcomer

Ich muss hier nicht die komplette Liste der bisherigen NBA-Spieler in der BBL aufführen, um zu belegen, dass mit Greg Monroe der bislang wahrscheinlich beste Akteur aus der US-Profiliga nach Deutschland kommt. Karrierewerte von 13,2 Punkten und 8,3 Rebounds bei 659 Auftritten zeugen von einer Qualität, die noch über der eines Bostjan Nachbar (Bamberg, 2012/2013) oder Derrick Williams (München, 2018/2019) liegen sollte. Hält diese Entwicklung an, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann LeBron James oder Stephen Curry in der BBL aufschlagen! Oder doch nicht?

Wäre Makai Mason auf den im Vergleich zum starken Frontcourt eher schwächer besetzten Guard-Positionen ein Spieler, der der deutschen Nationalmannschaft weiterhelfen könnte? Bislang war das schwer einzuschätzen, denn Mason hat zwar 15 Länderspiele bestritten, stand jedoch nie bei einem großen Turnier auf dem Parkett. Nach seiner College-Zeit beginnt er in Berlin seine Profilaufbahn. Er selbst und wir können uns bei seinen Auftritten in der BBL und in der Euroleague jetzt ein realistischeres Bild verschaffen, wozu er fähig ist.

Kostja Mushidi galt im unglaublich talentierten Jahrgang 1998 immer als größte Hoffnung hinter Isaiah Hartenstein. Nach einem Jahr in Frankreich und drei Spielzeiten in Serbien darf sich der Shooting Guard nun erstmals in Deutschlands höchster Spielklasse beweisen. Auch bei ihm geht es darum zu belegen, dass er ein Kandidat für die DBB-Auswahl sein kann.

Die spannendsten Projekte

Bleiben wir bei Mushidi, der in Braunschweig zusammen mit Karim Jallow, Lars Lagerpusch, Garai Zeeb und Lukas Wank die deutschen Minuten in der Rotation spielen wird. Keiner dieser Spieler ist älter als 22. Dazu trägt mit Pete Strobl ein Rookie die Verantwortung als Head Coach. Die Basketball Löwen haben Potenzial, aber das Pegel kann in beide Richtungen ausschlagen.

Das aufregendste individuelle Projekt haben die Ulmer im Programm. Ein Teenager als Starter auf der Spielmacherposition? Diese Konstellation hat in diesem Jahrzehnt in der Basketball-Bundesliga noch kein Verein ernsthaft angedacht. Doch jetzt möchte ratiopharm ulm diesen Weg mit dem 18jährigen Franzosen Killian Hayes gehen.

Die sechs deutschen WM-Teilnehmer

Für Maodo Lo sollte es in der kommenden Spielzeit darum gehen, sich stärker als Point Guard zu etablieren, da im Backcourt der Bayern eigentlich nur Combos unterwegs sind. Andreas Obst muss sich jetzt entscheiden, ob er ein Dreierspezialist sein möchte oder seinem Spiel weitere Facetten hinzufügen will. Wählt er erstere Option, sollte er an den 50% Trefferquote von Downtown kratzen. Paul Zipser möchte mittelfristig zurück in die NBA. Im Bayernkader wird er allerdings nur ein Rollenspieler sein. 2016 wurde er aufgrund seines Potenzials gedraftet, jetzt mit 25 muss er (auch statistisch) stark performen, um den Schritt ein zweites Mal zu gehen. Um Danilo Barthel mache ich mir eigentlich nie Sorgen. Er wird mit seiner Stabilität auch in der kommenden Saison ein unverzichtbarer Leistungsträger des Deutschen Meisters sein. Johannes Thiemann kam bei der WM nur zu einem Kurzeinsatz. Ich habe manchmal den Eindruck, dass seine alte Athletik nach der schweren Verletzung in Ludwigsburg immer noch nicht komplett zurückgekehrt ist. Im zweiten Jahr sollte er das komplexe Berliner System (noch) besser verinnerlichen können.  Niels Giffey dürfte bei den Albatrossen die gleiche Rolle wie in der Vergangenheit einnehmen. Seine Variabilität, drei Positionen spielen zu können, und seine Bereitschaft, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen, zeichnen den Kapitän aus.

Euer