19 Aug

Wer muss noch gehen?

Wer muss noch gehen?

Trainer einer Auswahlmannschaft zu sein, ist eine ehrenvolle Aufgabe. Aber die Selektion des spielenden Personals für ein großes Turnier gehört zu den schwierigsten Herausforderungen, denen sich ein Bundestrainer stellen muss. Joachim Löw musste 2018 viel Kritik für seinen WM-Kader einstecken, insbesondere für den Verzicht auf Leroy Sané. Aktuell liegt sein Kollege von den Basketballern bei der Gestaltung seines Aufgebots in den letzten Zügen. Ende August beginnt die Weltmeisterschaft in China, und Henrik Rödl muss, nachdem er nach dem Supercup Moritz Wagner aussortierte, noch einen Akteur streichen. Je nach taktischer Ausrichtung kann es ein Innen- oder ein Außenspieler sein. Doch egal wie der 50Jährige sich entscheiden wird, eine Diskussion wie bei den Fußballern scheint unabhängig vom Ausgang des Turniers unwahrscheinlich. Die Topstars sind gesetzt, und jetzt geht es nur noch um den letzten Platz.

Rödl hatte von Anfang an eine ganz klare Vorstellung, wen er mit nach Asien nehmen möchte. In den WM-Qualifikationsspielen setzte er insgesamt noch 26 Spieler ein, was auch der Tatsache geschuldet war, dass die NBA- und Euroleaguebasketballer nur bedingt zur Verfügung standen. So kam es etwas überraschend, dass sein erster Kader für den Saisonhöhepunkt nur 16 Akteure umfasste, zumal die aktuelle Generation als besonders tief besetzt gilt, so dass man eigentlich problemlos zwei Nationalmannschaften stellen könnte, und auch die meisten anderen Nationen ihr erstes Aufgebot deutlich breiter fassten. Bereits vor dem ersten Test gegen Schweden reduzierte Rödl den Kader auf 14. Zwölf Spieler dürfen in China mit dabei sein.

Bastian Doreth und Karsten Tadda, die neben Ismet Akpinar als Einzige in allen zwölf Qualifikationsspielen zum Einsatz kamen, tauchten erst gar nicht auf. Gleiches gilt für die mit Euroleagueerfahrung ausgestatteten Tibor Pleiß und Maik Zirbes, die dem Überangebot an langen Qualitätsspielern zum Opfer fielen. Lediglich Youngster Isaiah Hartenstein sagte frühzeitig ab, um sich auf seine NBA-Saison bei den Houston Rockets vorzubereiten.

Mit der Nominierung des ersten Aufgebots signalisierte der Bundestrainer klar, dass es ihm vor allen um eine ernsthafte Vorbereitung geht, die er nicht durch Konkurrenzkampfscharmützel in Frage gestellt sehen möchte.

Nachdem beim souveränen 78:46 gegen Schweden noch Superstar Dennis Schröder fehlte, hatte die Mannschaft beim Supercup in Hamburg alle Mann an Bord haben. Jetzt stehen noch zwei Testspiele in Japan auf dem Programm, nach denen der Bundestrainer seinen endgültigen Kader nominieren muss.

Aktuell stehen fünf Innenspieler im Kader, einer von ihnen muss möglicherweise noch gehen. Da Maxi Kleber, Danilo Barthel, Daniel Theis und Johannes Voigtmann sicher dabei sein werden, würde es im Falle eines Cuts bei den Großen Johannes Thiemann treffen. Die 80 Minuten auf den Positionen Vier und Fünf lassen sich problemlos zwischen den vier Platzhirschen aufteilen, und ansonsten könnte man auch sogenannten Small Ball spielen, also mit einem Small Forward als Power Forward. Paul Zipser, Robin Benzing und Niels Giffey haben diese Rolle alle schon ausgefüllt. Allerdings ist diese Variante im Vereinsbasketball deutlich beliebter als bei den Auswahlteams.

Es könnte also gut sein, dass noch ein Guard gehen muss. Isaac Bonga und Andreas Obst müssten sich in diesem Fall wohl die größten Sorgen machen. Während der erst 19jährige Bonga nach seiner ersten NBA-Saison vor allem seine defensiven Attribute in die Waagschale werfen kann, ist der aus Spanien in die Bundesliga zurückkehrende Obst ein exzellenter Schütze.

Rödl hat taktisch viele Optionen und damit auch die Qual der Wahl. Hoffentlich bleibt dies bis zum Ende der Vorbereitung auch so. Es wäre schade, wenn eine Verletzung dem Bundestrainer die letzte Entscheidung abnehmen würde.

Euer

04 Aug

Internationale Wettbewerbsfähigkeit

Internationale Wettbewerbsfähigkeit

13,2 Punkte und 8,3 Rebounds pro Partie als Karrierewerte in der NBA. So lauten die Referenzen von Greg Monroe, dem spektakulärsten Neuzugang des Deutschen Meisters Bayern München. Diese Zahlen können sich sehen lassen, vor allem wenn bedenkt, dass die Grundlage dafür in neun Spielzeiten gelegt wurde. Der Linkshänder ist ein gestandener NBA-Profi. Sein Transfer in diesem Sommer unterstreicht erneut die Ausnahmestellung der Bayern, die die über die materielle Ausstattung verfügen, um solch spektakuläre personelle Duftmarken zu setzen. Mit Josh Huestis, Diego Flaccadori und Mathias Lessort haben sich die Bayern darüber hinaus hochkarätig aus dem Ausland verstärkt. Dazu soll die Rückkehr von Paul Zipser unmittelbar bevorstehen.

Im Gegensatz dazu sind die finanziellen Möglichkeiten der anderen deutschen Vereine im Vergleich zu den internationalen Spitzenteams weiterhin begrenzt. Natürlich gab es bislang auch die eine oder andere interessante Verpflichtung, aber außer dem nach Berlin wechselnden Tyler Cavanaugh (50 NBA-Einsätze) war bisher kein Spieler dabei, der der breiten Öffentlichkeit sofort ins Auge sticht. Im Gegenzug verlor die Liga viele ihrer besten Akteure ins europäische Ausland. Dass der Sensationsaufsteiger Vechta sein explosives Außenspieler-Duo mit T.J. Bray und Austin Hollins nicht würde halten können, war erwartet worden. Bray bleibt der Bundesliga zumindest erhalten und wechselte zu Bayern München, während Hollins beim Euroleague-Konkurrenten des Deutschen Meisters Zenit Sankt Petersburg anheuerte. Genauso wenig überraschte es, dass es Bambergs hochdekorierten Spielmacher Tyrese Rice für seine letzte Spielzeit noch einmal in die europäische Königsklasse zog. Der 32Jährige unterschrieb bei Panathinaikos Athen. Will Cummings, der wertvollste Spieler der vergangenen Saison, verließ Oldenburg und verdient seine Brötchen zukünftig in Russland.

Alle diese Wechsel waren ein Stück weit vorprogrammiert. Dass der Deutsche Meister Bayern München jedoch drei seiner Leistungsträger an die kontinentale Konkurrenz verlor, ließ aufhorchen. Ex-NBA-Star Derrick Williams hatte immer wieder bekundet, dass in Europa kein anderer Verein für ihn in Frage käme, entschied sich dann aber doch für Fenerbahce Istanbul. Spielmacher Stefan Jovic und Center Devin Booker nahmen ein Angebot von Khimki Moskau wahr, einem Club, der ebenfalls in der Euroleague an den Start geht, aber in der vergangenen Spielzeit hinter den Bayern ins Ziel kam. Obwohl Khimki im Großraum Moskau hinter ZSKA nur die Nummer zwei ist, verfügen die Russen über gewaltige materielle Ressourcen, Starspieler Alexey Shved erhält über drei Millionen Euro netto pro Saison.

Von solchen Summen sind selbst die Münchner als finanziell mit Abstand potentester Bundesligaverein noch weit entfernt, auch wenn der Gesamtetat für die kommende Spielzeit bei ca. 25 Millionen Euro liegen soll. Zum Vergleich: ZSKA Moskau gab bekannt, dass das Budget nur für Gehälter inklusive 13% Steuern in der kommenden Spielzeit 26 Millionen Euro betragen wird.

Mit Johannes Voigtmann unterschrieb der beste deutsche Basketballer außerhalb der NBA beim Euroleaguechampion. Nach drei Jahren in Spanien wäre die Rückkehr des Ex-Frankfurters nach Deutschland ein Paukenschlag gewesen und für die Aushängeschilder München und Berlin eine riesige Verstärkung, da in der Bundesliga immer sechs deutsche Akteure auf dem Spielberichtsbogen stehen müssen.

Aber mittlerweile haben die Bayern gezeigt, dass sie nicht gewillt sind, im Transferpoker klein beizugeben. Zunächst gaben die Münchner die Verpflichtung von Josh Huestis bekannt. Der neue Forward trägt das Gütesiegel NBA, bestritt 76 Einsätze für den Oklahoma City Thunder. Unmittelbar darauf legte der Deutsche Meister nach und verkündete Monroe. Mittlerweile kamen noch Flaccadori und Lessort hinzu.

Der Deutsche Meister ist ganz offensichtlich in der Lage, renommierte Spieler anzulocken, was bedingt auch noch für Berlin gelten mag. Dem Rest der Bundesliga fehlt es aber an finanzieller Substanz, um einen großen Wurf zu landen. Vielleicht kann ein Erfolg der Nationalmannschaft bei der WM in China im September weitere Geldgeber für den Basketball begeistern, wo doch die Rahmenbedingungen vielversprechend aussehen.

In den nächsten beiden Jahren finden internationale Großereignisse in Deutschland statt.

Das Final Four der Euroleague wird im Mai 2020 in der Kölner Lanxess Arena ausgetragen, eine Vorrundengruppe der mittlerweile EuroBasket genannten Europameisterschaften wird 2021 an gleicher Stätte ausgespielt, die Finalrunde dann in Berlin. Die deutschen U-20-Basketballer haben den Vorjahreserfolg wiederholt und bei den Europameisterschaften in Israel die Bronzemedaille gewonnen. Verbandspräsident Ingo Weiss formulierte danach keck: „Da kann ich mich gerne dran gewöhnen, dass unsere Nachwuchsnationalmannschaften mit Medaillen von den Europameisterschaften zurückkehren.“ Diese Aussage spiegelt die Entwicklung im deutschen Basketball wider und unterstreicht gleichzeitig das gewachsene Selbstbewusstsein.

Wie schon bei der Heim-EM 2018 konnte der DBB-Nachwuchs nicht in Bestbesetzung auflaufen, was die Erfolge umso bemerkenswerter macht. Die besten Akteure waren jeweils nicht dabei. So verzichtete vor einem Jahr Isaiah Hartenstein (Houston Rockets), dieses Mal fehlte Isaac Bonga (Washington Wizards). Hartenstein wird auch im September bei der Herren-WM in China nicht im Team stehen, da er erneut seine NBA-Ambitionen in den Vordergrund stellt. Dennoch könnte die deutsche Mannschaft beim Saisonhöhepunkt mit Bonga, Dennis Schröder, Maximilian Kleber, Daniel Theis und Moritz Wagner immerhin fünf Profis aus der besten Liga der Welt an den Start bringen. Mit etwas Glück könnte für das deutsche Team sogar eine Medaille herausspringen.

Euer

21 Jul

Tragischer Held, Aufsteiger, Trend und Spielstil der Saison

Der tragische Held der Saison: Luke Sikma

2017/2018 MVP der BBL, 2018/2019 MVP des Eurocups. Luke Sikma wartet aber weiterhin auf den ersten Titel mit ALBA BERLIN. In der abgelaufenen Spielzeit unterlagen die Albatrosse in allen drei Wettbewerben in den Finalspielen – und Sikma war in den entscheidenden Partien weit von seiner Bestleistung entfernt. Beim Pokalfinale in Bamberg ging er krank in die Schlacht, Schwamm drüber. In den drei Eurocup-Finalpartien gegen Valencia erzielte er insgesamt 22 Punkte, genauso viele wie in den drei BBL-Endspielbegegnungen gegen die Bayern. In diesen sechs Spielen traf er nur 15 von 51 Würfen aus dem Feld, weniger als 30%. Noch eklatanter wird es, wenn man sich die Spiele anschaut, in denen die Serien beendet wurden: 2/18 Field Goals in diesen beiden Partien. Der Amerikaner hat einen neuen und langfristigen Vertrag in Berlin unterschrieben. Seine Probleme in den großen Momenten sind auch den ALBA-Fans nicht verborgen geblieben, die ihn zukünftig sehr stark daran messen dürften, wie er in diesen Situationen auftritt.

Der Aufsteiger der Saison: T.J. Bray

Vom BBL-Neuling RASTA Vechta zum Deutschen Meister und in die Euroleague – so lautet die Erfolgsgeschichte von T.J. Bray. Der vielseitige Guard hat seinen Marktwert wahrscheinlich in einem Maße gesteigert wie kein anderer Akteur. Mit über 8 Assists pro Partie führte er die Liga an, war ein ständiger Gefahrenherd von der Dreipunktelinie, und vor allem konnte er in den Playoffs noch eine Schippe drauflegen. 14,8 Punkte pro Partie in der Hauptrunde, 18,7 im Viertelfinale gegen Bamberg und 22,3 im Halbfinale gegen seinen neuen Arbeitgeber München. Bleibt zu hoffen, dass der 27Jährige bei den Bayern eine Rolle zugewiesen bekommt, in der er sein kreatives Potenzial auch weiterhin zur Entfaltung bringen kann.

Ein weiterer Trend der Saison: Der Sportdirektor

Die Flaggschiffe München und Berlin haben diese Positionen mit Daniele Baiesi und Himar Ojeda hochwertig besetzt. Ihr Anteil am Erfolg ihrer Mannschaften sollte nicht unterschätzt werden. Auch das dritte „große B“, Brose Bamberg, verfügt natürlich über einen Sportdirektor. Nach Baiesis Wechsel nach München (der Italiener galt als Architekt der Meisterteams von Andrea Trinchieri), griff sein Nachfolger Ginas Rutkauskas bei der Spielerauswahl ordentlich daneben, so dass jetzt die Hoffnungen auf dem Belgier Leo de Rycke ruhen. Auch Oldenburg, Bonn und Crailsheim haben eine solche Stelle bereits vergeben. Wirklich interessant ist aber, dass diese Position mittlerweile für weitere Teams relevant geworden. So installierte Bayreuth mit Matt Haufer erstmals einen Sportdirektor, und in Ulm wechselte mit Thorsten Leibenath sogar der erfolgreichste deutsche Trainer der letzten Jahre von der Trainerbank ins Front Office. Aufgaben gibt es genug, von der Talentsichtung bis hin zum Aufbau interner Strukturen.

Der Spielstil der Saison: RASTA Vechta

Die Mannschaft der abgelaufenen Spielzeit war zweifellos RASTA Vechta und ihr Head Coach Pedro Calles wurde völlig zurecht als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Der Neuling spielte nicht nur äußerst erfolgreich und performte an den materiellen Möglichkeiten gemessen gnadenlos über, vor allem etablierte er auch einen eigenen Stil, der vor allem auf seiner Run-and-Jump-Defense fußte. Coach Aíto sprach sogar davon, dass Vechta den Basketball der Zukunft spiele. Da taktische Entwicklungen im Sport oft wellenförmig verlaufen, bin ich gespannt, wie viele Mannschaften in der kommenden Saison in ihrer Konzeption Anleihen bei den Niedersachsen nehmen werden.

Euer

07 Jul

Entdeckung, Verwandlung, Energieleistung und Trend

Entdeckung, Verwandlung, Energieleistung und Trend der Saison

Die Entdeckung der Saison

Franz Wagner. Der 17Jährige hat mit seinem selbstbewussten Auftreten und seinen Leistungen beeindruckt. In diesem Alter Topscorer in einem Meisterschaftsfinale zu sein, spricht für sich. Der junge Albatros steht jetzt vor der wegweisenden Entscheidung, ob er ans College wechseln oder in Berlin bleiben soll. Mit seinen über 2 Metern Körperlänge kann er als Shooting Guard und als Small Forward agieren. Mir gefällt extrem gut, wie flüssig er sich an beiden Enden des Feldes bewegt. In Berlin wüsste er, dass er weiter auf den Außenpositionen spielen würde. So mancher College-Coach würde ihn aber vielleicht auf die Vier verfrachten. Das wäre ein Argument für den Verbleib in der Hauptstadt, der wiederum einen Gewinn für alle BBL-Fans darstellen würde.

Die Verwandlung der Saison: Rasid Mahalbasic  

Rasid Mahalbasic war schon lange ein exzellenter Basketballer. Dennoch hat er aus meiner Sicht in der vergangenen Saison einen großen Schritt gemacht, weil er seine Herangehensweise an das Spiel bewusst veränderte. Der Österreicher verlor vor der Saison an Gewicht, vor allem aber nahm er sich als Scoring-Option etwas zurück und entwickelte ein neues Rollenverständnis, um dadurch am Ende an Einfluss zu gewinnen. Mit weiterhin unverminderter Klasse im Low Post setzte er seine Mitspieler immer wieder in Szene und etablierte sich als Point Center.

Die Energieleistung der Saison

RASTA Vechta. Mit einer aus sieben Spielern bestehenden Rotation eliminierte der Sensationsaufsteiger Brose Bamberg im Viertelfinale. Dabei verzichteten die Vechtaer nicht auf ihr kräfteraubendes defensives Konzept! Müdigkeit – Fehlanzeige. Wahrscheinlich war das Team von Pedro Calles das konditionell Beste in der abgelaufenen Spielzeit. Aber um eine solche Leistung zu bringen, muss auch die Chemie in der Mannschaft außergewöhnlich gut sein. Unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen war das 3:1 der Marley-Jünger eine der größten Leistungen in der gesamten BBL-Historie.

Der Trend der Saison

Vom Assistant Coach zum Head Coach. Fünf Mannschaften nahmen sechs Trainerwechsel vor. Vier Mal wurde der Assistent befördert. In Bamberg übernahm Federico Perego, in Bonn Chris O’Shea, in Bremerhaven Michael Mai und in Jena Marius Linartas. Keiner von ihnen wird in der kommenden Saison auf einen Chefsessel in der BBL Platz nehmen. Bremerhaven und Jena sind sportlich abgestiegen, O’Shea rückt in Bonn zurück ins zweite Glied, und Perego wechselt nach Italien. Aber der Trend setzt sich fort und gewinnt sogar eine neue Dimension. Waren in den aufgeführten Fällen die Assistenz-Trainer zuvor im gleichen Club tätig, was sicherlich auch dem Wechsel in der laufenden Spielzeit geschuldet war, so übernehmen jetzt bei drei Programmen Assistant Coaches von außerhalb. Der Berliner Assistent Thomas Päch besetzt die Kommandobrücke in Bonn, der bisherige Ulmer Co Pete Strobl in Braunschweig. Mit dem Slowenen Jaka Lakovic hat ratiopharm ulm einen Head Coach installiert, der (neben seiner illustren Spielerkarriere) bislang ebenfalls nur Erfahrungen im zweiten Glied sammeln konnte. Dass die FRAPORT SKYLINERS mit Sebastian Gleim den bisherigen ProB-Coach zum Chef ernannt haben, rundet das Bild ab. Wahrscheinlich hat der große Erfolg von Pedro Calles in Vechta die Vereine in nicht unerheblichem Maße zu diesen Entscheidungen ermutigt.

Euer

24 Jun

Mein Finalfazit

Mein Finalfazit

In der Endspielserie trafen die beiden Mannschaften aufeinander, die sich sowohl die Medien als auch die Fans gewünscht hatten – es war also das Traumfinale. Seit dem Ende der Bamberger Meisterschaftsära 2017 haben sich München und Berlin als die unumstrittenen Platzhirsche etabliert. Beide Teams waren bis zum Finale ungeschlagen durch die Playoffs spaziert, was die Dominanz beider Mannschaften unterstreicht, obwohl Experten zumindest für die vom dritten Hauptrundenplatz gestarteten Berliner im Halbfinale gegen Oldenburg mehr Schwierigkeiten prognostiziert hatten. Letztendlich bestritten die beiden Mannschaften, die die mit Abstand höchsten internationalen Belastungen hinter sich haben, die Finalserie. Einerseits dienten die europäischen Wettbewerbe als ein Stahlbad, um sich Wettkampfhärte für den Saisonabschluss zu holen. Andererseits war dieses Pensum aber auch nur leistbar, weil die Tiefe der Kader die insgesamt 75 (München) bzw. 71 (Berlin) Pflichtspiele zuließ.

In der nächsten Spielzeit dürften es eher noch mehr werden. Beide Finalisten werden in der Euroleague antreten. 2019/2020 wird die Königklasse erstmals 18 Teams umfassen, so dass München und Berlin ohne Pokalwettbewerb und Playoffs bereits 68 Partien absolvieren müssen. Dieser Umstand dürfte die bereits begonnenen Entwicklungen beschleunigen. Die beiden Aushängeschilder benötigen qualitativ und quantitativ eine weitere Steigerung beim spielenden Personal, wobei diese wiederum die entsprechenden materiellen Mittel voraussetzt. Aber mit der Euroleague als Zugpferd ist sowohl eine Aufstockung des Etats möglich als auch eine sportliche Grundlage gegeben, um Topspieler zu binden. Bei den Bayern kursieren für die nächste Spielzeit Summen von 25 bis 30 Millionen Euro. Damit sollten die Münchner auf jeden Fall die Playoffs im besten europäischen Vereinswettbewerb erreichen können. Berlin dürfte von solchen Beträgen ein gutes Stück weit entfernt sein.  Dennoch gelang es den Verantwortlichen, Luke Sikma für vier weitere Jahre an den Verein zu binden. Der Schlüsselspieler der Albatrosse hatte nach seinen Auszeichnungen als wertvollster Spieler der Bundesliga (2018) und wertvollster Akteur im Eurocup (2019) hochdotierte Angebote europäischer Spitzenclubs vorliegen. Sein langfristiger Verbleib in Berlin ist ein klares Signal und spricht dafür, dass auch dort der Etat gesund wächst.

Diese Entwicklung wird von vielen Bundesligavereinen kritisch gesehen, die befürchten, dass die Schere materiell und sportlich immer weiter auseinanderklafft. München und Berlin fordern schon seit Jahren eine Verkleinerung der Bundesliga, um die Belastungen ihrer Spieler zu reduzieren. Die Mehrheit der Vereine hat diese Bestrebungen bislang erfolgreich abgewehrt. Letztendlich könnte der Saisonverlauf 2018/2019 eine Blaupause für die nähere Zukunft sein. Die Euroleague-Teilnehmer lassen in der Hauptrunde aufgrund ihres immensen Programms punktuell Federn, sind aber in den Playoffs aufgrund ihrer extremen personellen Tiefe und der im qualitativ hochwertigen internationalen Wettbewerb gemachten Erfahrungen unantastbar. Spannung birgt dann nur noch das direkte Duell der Besten, der Showdown der Revolverhelden am Ende des Westerns.

Aber auch das könnte fraglich sein. Während die Berliner sich über die Rückkehr in der Euroleague freuen, geht es für die Bayern um mehr als nur das Dabeisein. Mittelfristig könnten die Münchner angesichts der Möglichkeiten, die sich ihnen eröffnen, das Final Four anstreben. Es besteht die Gefahr, dass nicht nur die Diskrepanz zum Rest der Liga wächst, sondern auch zwischen den beiden Hauptdarstellern.

Manche Beobachter glauben, dass die Berliner aufgrund dessen in den diesjährigen Finalspielen ihre letzte Meisterschaftschance in absehbarer Zeit vor Augen hatten. Aber letztendlich grüßte täglich das Murmeltier – Berlin gelang es in allen drei Spielen nicht, eine gute Ausgangsposition in einen Sieg umzumünzen. Möglicherweise hat sich dieses Schema schon in die Psyche beider Teams eingebrannt, weil sich dieses Muster auch schon in Begegnungen vor dieser Endspielserie etabliert hatte.

Die Bayern schienen auch größere Berliner Führungen mit stoischer Gelassenheit zu verarbeiten. Fast konnte man das Gefühl gewinnen, dass sie es nicht anders erwartet hatten und es ihnen keinerlei Sorgen bereitete. Lass die Berliner sich austoben, wir wissen, dass wir mit zunehmender Spieldauer Zugriff finden und unseren Stil etablieren werden – so wirkte das Münchner Credo. Die grundsätzliche defensive Steigerung des alten und neuen Meisters nach der Pause untermauert diese Einschätzung.

Vom wichtigsten Berliner Spieler kamen in den Finalspielen zu wenige Punkte. Sikma ist ein großartiger Basketballer, aber diese Serie belegte erneut, dass sein Scoring-Potenzial gegen hochkarätige Konkurrenten limitiert ist. Die Bayern waren das toughere Team in den 1-1-Duellen. Sie traten in diesem Bereich einfach konsequenter auf. Gleiches gilt für die Entscheidungsfindung. Bei ihnen war jederzeit spürbar, dass Profisport ein ergebnisorientiertes Geschäft ist. Berlin war oft zu fahrlässig, und deshalb hat Bayern München seinen Titel völlig verdient verteidigt. Letztendlich hat die Mannschaft von Dejan Radonjic nicht nur spielerisch, sondern auch emotional immer die richtigen Antworten gefunden.

Euer

10 Jun

Fragen und Antworten

Fragen und Antworten

In diesem Blog beantworte ich ausnahmsweise einmal Fragen, die an mich herangetragen wurden. Themen sind die Halbfinalserie zwischen Oldenburg und Berlin, die Zukunft von RASTA Vechta, ein Spieler, den ich gerne weiter in der Liga sehen würde und eine Regeländerung.

Warum hat Berlin die Serie gegen Oldenburg so souverän gewonnen?

Ganz entscheidend war, dass die Berliner mehr Energie hatten. Die Rotation bei den Hauptstädtern ist deutlich größer, Oldenburg hängt zu sehr am Tropf seiner Stars Will Cummings, Rickey Paulding und Rasid Mahalbasic. Mit Nathan Boothe kam in der Serie lediglich ein weiterer Spieler als verlässlicher Scorer hinzu. In der zweiten Partie in Berlin zeichnete dieses Quartett für 26 der 28 Feldkörbe verantwortlich. Mit einer Viermannoffensive schlägt man kein tiefes Team wie Berlin, das durch seine europäischen Erfolge in dieser Spielzeit viel besser auf diese Serie vorbereitet war. Dies wurde in der Auftaktpartie überdeutlich, die die Albatrosse als „another day in the office“ verwalteten, während es für Oldenburg aufgrund des Verzichts auf einen internationalen Wettbewerb und des frühen Ausscheidens im Pokal bis dato das Spiel der Saison war. Diesem Druck hielt die Mannschaft von Mladen Drijencic nicht stand. Oldenburg gelang es in den drei Vergleichen nie, durch defensiven Druck den Berlinern ihre Spielfreude zu nehmen. Letztendlich war ALBA an beiden Enden des Feldes die bessere Mannschaft. Die Gegenwehr der Oldenburger in der entscheidenden dritten Begegnung war ebenfalls überschaubar. Basierend auf dem Wissen, immer die passenden Antworten parat zu haben, trat Berlin routiniert und abgeklärt auf. Die Finalteilnahme ist hochverdient.

Wie siehst Du die Chancen, dass Vechta Team und Trainerstab in weiten Teilen zusammenhält?

Die Chancen sind gering. Die Laufzeiten der Spielerverträge sind mir nicht bekannt, aber man sollte davon ausgehen, dass bei den Amerikanern tendenziell eher kurzzeitige Verträge vergeben wurden. So steht zu erwarten, dass die tragenden Säulen T.J. Bray (manche Internetportale haben schon die Unterzeichnung eines Zweijahresvertrages in München gemeldet), Austin Hollins und Seth Hinrichs nicht zu halten sein dürften. Pedro Calles‘ Arbeitspapier läuft noch eine weitere Saison. Wenn andere Clubs eine entsprechende Ablösesumme anbieten, könnte ich mir vorstellen, dass Geschäftsführer Stefan Niemeyer zumindest darüber nachdenkt. Die Zukunft von Co-Trainer Miguel Zapata ist direkt mit seinem Head Coach verknüpft, da er weder Deutsch noch Englisch spricht.

Welchen Spieler würdest Du in der nächsten Saison gerne in einem anderen BBL-Team sehen?

Tyrese Rice. Auch wenn sein Abschied aus Bamberg noch nicht offiziell vermeldet wurde, so scheint er doch angesichts der angekündigten Neuausrichtung bei den Oberfranken wahrscheinlich. Ich würde Tyrese liebend gerne weiter in der BBL sehen. Er ist ein fantastischer Basketballer, bei dem das Zuschauen aufgrund seiner Kreativität extreme Freude bereitet. Ich gebe zu, dass ich bei diesem Spieler voreingenommen bin, da ich ihn selbst coachen durfte.

Wenn Du einen Wunsch frei hättest: Welche Basketballregel würdest Du abschaffen?

Die Wahlmöglichkeit, nach einer Auszeit in den letzten beiden Minuten im Vorfeld einwerfen zu dürfen. Das ist ungerecht. Wenn eine Mannschaft zwei Sekunden vor Schluss mit einem Punkt in Führung geht, hat sie 39 Minuten und 58 Sekunden hart für diesen Vorsprung gearbeitet. Unter normalen Umständen hat sie auch das Spiel gewonnen. Mit der Chance, durch eine Auszeit im Vorfeld einwerfen zu dürfen, erhält der Kontrahent einen aus meiner Sicht nicht zu rechtfertigenden Vorteil.

Euer

27 Mai

Immer ein wenig unter dem Radar: Wie stark ist Oldenburg?

Immer ein wenig unter dem Radar: Wie stark ist Oldenburg?

Dieser Club gewann die letzte Meisterschaft, bevor Bamberg und München sich anschickten, der deutschen Eliteliga Dieser ihren Stempel aufzudrücken. Zu diesem Titel von 2009 kam 2015 noch ein Pokalsieg hinzu. Und obwohl auch die Konstanz mit neun Playoff-Teilnahmen in den letzten zehn Jahren stimmt, fliegen die EWE Baskets Oldenburg fast in jeder Saison unter dem Radar der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung. Im Nordwesten der Republik nehmen sie eine geographische Randlage ein, sind an einem eher beschaulichen Ort zu Hause, dessen Medienlandschaft nicht einmal annährend an die Dimensionen von München oder Berlin heranragt. Zudem tragen die Oldenburger auch kein großes „B“ im Namen, was ihnen eine Nennung im gleichen Atemzug mit Bayern, Berlin und Bamberg sichern könnte. Letztendlich würde dies aber inhaltlich auch nicht passen, denn an der Hunte versteht man sich als bodenständig und kann mit schillerndem Glamour nur wenig anfangen.

Das Aushängeschild des Vereins steht sinnbildlich für diesen Denkweise. Rickey Paulding ist ein Basketball-Star, der in dieser Rolle für seine herausragenden Leistungen bewundert wird. Aber geliebt und verehrt wird der 36Jährige wegen seiner Bescheidenheit, seines Standpunktes, dass die Familie über allem steht und seiner Verbundenheit zur Stadt und zur Region. Paulding war bei der Meisterschaft 2009 der Finals-MVP und spielt bereits seit 2007 bei den Oldenburgern, wo er seine Karriere auch beenden wird.

Die Gallionsfigur, der MVP und der Point Center

In dieser Spielzeit weiß die Oldenburger Gallionsfigur zwei ganz besondere Basketballer an ihrer Seite. Will Cummings ist ein pfeilschneller Einser, der die meisten Punkte in der Liga erzielt. Damit ist klar, dass der Begriff Scoring Point Guard ihn treffend umschreibt. Auch wenn der Amerikaner bei seiner Penetration manchmal eine „Kopf-durch-die-Wand-Attitüde“ an den Tag legt, ist er ein würdiger MVP. Allerdings war das Rennen in dieser Saison extrem offen. T.J. Bray, John Bryant, Luke Sikma oder Derrick Williams waren Kandidaten, die auch immer in die Diskussion geworfen wurden. Zwei Namen fielen mir nicht häufig genug. Zum einen Danilo Barthel, der als bester und konstantester Spieler der besten Mannschaft mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, zum anderen Rasid Mahalbasic. Der österreichische Center der Oldenburger hat in dieser Spielzeit eine Metamorphose durchlebt, Gewicht verloren und ein neues Rollenverständnis entwickelt. Für mich ist der 28Jährige der beste Big Man der Liga, ein Point Center, der sich als Scoring Option im Vergleich zur Vorsaison zurückgenommen hat, aber dafür seine Mitspieler mit gutem Auge und glänzenden Pässen konstant in Szene setzt. Sein 1-1 im Low Post ist dennoch weiterhin elitär gut. Dieses Trio ist hauptverantwortlich für einen exzellenten offensiven Rhythmus, der aber auch stark von den Stretch-Qualitäten der Power Forwards Philipp Schwethelm und Nathan Boothe mitgetragen wird.

Fragezeichen Tiefe

Mladen Drijencic ist ein Coach, der grundsätzlich eher zu kürzeren Rotationen tendiert. In dieser Saison ist Oldenburg acht Spieler tief. Zu den sechs Ausländern gesellen sich noch Karsten Tadda und Schwethelm. Dies war während der Hauptrunde kein Problem, da die Niedersachsen das erste Mal seit Jahren nicht international spielten und somit keiner Doppelbelastung ausgesetzt waren. In dieser Konstellation kam den EWE Baskets zugute, dass Boothe beide großen Positionen spielen kann. Frantz Massenat, der Ende März in Göttingen mit 40 Zählern den Saisonrekord markierte, kann immer wieder mal in den Mikrowellenmodus umschalten und ist neben Boothe die wichtigste Option von der Bank.

Was ist im Halbfinale möglich?

Oldenburg erzielt die meisten Punkte in der Liga. Die Offensive läuft wie eine gut geölte Maschine, wofür sicherlich auch die hohe personelle Kontinuität ein Faktor ist. Das Korbverhältnis von +375 in der Hauptrunde lag in den Sphären von Berlin und München. Die Drijencic-Schützlinge haben in der ganzen Saison nur ein einziges Heimspiel verloren. Viele Dinge sprechen für Paulding & Co. Im Halbfinale geht es jetzt aber ausgerechnet gegen ALBA Berlin, jene Mannschaft, die Oldenburg die einzige Heimniederlage zufügen konnte. Noch relevanter ist, dass die Berliner deutlich tiefer besetzt sind. Dass dieser Faktor auch überschätzt werden kann, demonstriert derzeit Vechta gegen Bamberg. Dennoch glaube ich, dass die großartige Oldenburger Saison im Halbfinale gegen den Eurocup-Finalisten aus der Hauptstadt ihr Ende finden wird.

Wohin geht es nach dieser Saison?

Der Vertrag mit Mladen Drijencic wurde bereits um zwei Jahre verlängert. Der empathische und enthusiastische Coach erfreut sich in Oldenburg großer Beliebtheit und weist, was natürlich noch wichtiger ist, auch Erfolge vor. Seine Zusammenarbeit mit Sportdirektor Srdjan Klaric funktioniert sehr harmonisch. Entsprechend sind im Umfeld der Mannschaft die Weichen bereits gestellt. Oldenburg wird ein Playoff-Abonnementsteilnehmer mit Halbfinalpotenzial bleiben und in der nächsten Saison auch wieder europäisch auflaufen.

Euer

11 Mai

Das Auge für Talente

Das Auge für Talente

Wenn der renommierteste deutsche Trainer der Basketball-Bundesliga sich entscheidet, seinen Platz auf der Bank gegen die Rolle des Sportdirektors einzutauschen, ist das im Basketball nicht nur per se außergewöhnlich, sondern auch ein Signal, dass diese bislang unterbewertete und bei den meisten Vereinen immer noch unbesetzte Position zukünftig eine größere Rolle einnehmen wird. Thorsten Leibenath, der ratiopharm ulm in der Spitzengruppe der deutschen Eliteliga etablierte wird nach acht Jahren als Head Coach ab der kommenden Spielzeit die Geschicke des Clubs in neuer Funktion mitgestalten. Die Ulmer werden damit erstmals über einen Sportdirektor verfügen, was übrigens auch für medi bayreuth gilt. Dort wurde Matthias Haufer als erster sportlicher Leiter in der Clubgeschichte vorgestellt. Trotz dieser beiden „Neuzugänge“ haben derzeit nur sieben von 18 Vereinen diesen Posten vergeben. Gerade die kleineren und finanziell überschaubarer ausgestatteten Bundesligisten scheuen sich, für diese Aufgabe Geld in die Hand zu nehmen, was dann letztendlich im Spieleretat fehlen würde. Aber dies ist vom Ansatz her zu kurzfristig gedacht.

Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Sportdirektors, entwicklungsfähige Akteure zu finden. Entsprechend ist ein Hintergrund im Scouting, der Sichtung und Einschätzung von Spielern, eine Art Grundvoraussetzung. So arbeitet „Matt“ Haufer bereits seit 2014 als Scout für den Bayreuther Cheftrainer Raoul Korner. In der Regel sind die Head Coaches und ihre Assistenten durch das immer komplexer werdende Anforderungsprofil ihres Jobs bestenfalls in der Lage, diesen Bereich noch peripher abzudecken. So war es eines der Erfolgsgeheimnisse der Bamberger Meisterjahre 2010-2013, mit Brendan Rooney über einen Scout zu verfügen, der den Spielermarkt ganzjährig beobachtete. Das erlaubte den Oberfranken, im Bedarfsfall deutlich schneller und gezielter als die Konkurrenz zu handeln. Die Sportdirektor ist permanent in der Lage, Spieler in anderen Ligen auch vor Ort in Augenschein zu nehmen, und kann auch besondere Events abdecken. So führte Haufers erste Dienstreise im April nach Virginia zum Portsmouth Invitational Tournament (PIT), bei dem sich für Europa interessante College-Absolventen präsentieren. Teams ohne Sportdirektor können diese Veranstaltung aufgrund der Terminierung während der Bundesligasaison nicht besetzen.

Neben einem Auge für Talente ist auch ein starkes Netzwerk elementar für einen guten Sportdirektor. Der Spanier Himar Ojeda, der diese Position bei ALBA Berlin bekleidet, fungierte als Director of International Scouting für den NBA-Club Atlanta Hawks. Daniele Baiesi, sein italienisches Pendant bei Bayern München, war in gleicher Funktion fünf Jahre für die Detroit Pistons tätig. Wie wichtig mittlerweile die Spitzenvereine diese Position einstufen, lässt sich an der Personalie Baiesi gut ablesen. Von 2014-2017 war der 43Jährige Sportdirektor bei Brose Bamberg. Sein folgender Wechsel zu den Bayern sorgte für viel Wirbel. Ohne Baiesi ging es bei Bamberg bergab und in München bergauf. Der Italiener galt als Architekt der Meisterteams von Andrea Trinchieri. Sein litauischer Nachfolger Ginas Rutkauskas griff bei der Spielerauswahl ordentlich daneben und ist mittlerweile nicht mehr für Brose tätig. Entsprechend sucht Bamberg einen neuen sportlichen Kopf.

Wichtigste interne Aufgabe der Sportdirektoren ist es, die sportliche Gesamtkonzeption des Vereins zu entwickeln. Der Verzahnung von Bundesliga, Farmteam und Jugendleistungsbereich kommt dabei eine ganz besondere Rolle zu. Die Clubs werden diesbezüglich immer ambitionierter, professionalisieren Strukturen und benötigen dafür einen Supervisor und Visionär mit entsprechendem Knowhow. In diesem Feld hat Ojeda mit seinem Engagement in Berlin absolute Vorbildfunktion. Er holte mit seinem Landsmann Aíto Garcia Reneses nicht nur den wahrscheinlich besten Talententwickler Europas (eine Verpflichtung, die ohne Ojeda wohl nie möglich gewesen wäre), sondern intensivierte die ohnehin schon beeindruckende Jugendarbeit weiter. Dass mit dem ehemaligen Nationalspieler und Vereins-Vize Henning Harnisch ein Ex-Sportdirektor die zweite treibende Kraft im Nachwuchsbereich ist, spricht für die Kontinuität des Berliner Ansatzes, von dessen Nachhaltigkeit die meisten Bundesligisten aber weit entfernt sind.

Möglicherweise fehlt es den Geschäftsführern nicht nur an Geld, sondern auch an der Zeit, Konzepte zu entwickeln. Die Etablierung eines Sportdirektors bringt sowohl für das Management als auch für das Trainerteam Entlastung und holt zugleich einen Partner auf Augenhöhe ins Boot, mit dem die Zukunft gestaltet werden kann. Es ist immer hilfreich, wenn sich alle Beteiligten auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können. Marko Pesic, der Geschäftsführer der Bayern-Basketballer, begann in München als Sportdirektor. Von 2013-2017 übte er beide Aufgaben in Personalunion aus. Seit Baiesi mit an Bord ist, hat das gesamte Projekt zusätzliche Fahrt aufgenommen.

Euer

16 Apr

Es fehlt an Geld, Breite und Tradition

Es fehlt an Geld, Breite und Tradition

Mit dem Mitteldeutschen BC und Science City Jena kämpfen die beiden einzigen ostdeutschen Vereine in der Basketball-Bundesliga um den Klassenerhalt. Sollten beide Clubs absteigen, wäre dies ein herber Rückschlag für den Basketball in den neuen Bundesländern, der dort seit jeher mit erschwerten Bedingungen zurechtkommen muss.

1969 fasste der DDR-Ministerrat den Entschluss, Sportarten ohne Medaillenchance bei den Olympischen Spielen in der Förderung massiv zu beschneiden. Davon betroffen waren auch die Basketballer, deren Schicksal damit endgültig besiegelt wurde. 48 Jahre später, 2017/2018 spielten mit Science City Jena, dem Mitteldeutschen BC und den Oettinger Rockets in Erfurt erstmals drei ostdeutsche Mannschaften in der Basketball-Bundesliga. Doch bis dahin war es ein langer und schwieriger Weg für die Korbjäger in den neuen Ländern, die immer noch die Folgen der Entscheidung von 1969 spüren.

Ohne Basketballeltern keine Basketballkinder

Als der in Göttingen geborene Jenaer (Ex-)Coach Björn Harmsen 1994 als Zwölfjähriger nach Thüringen kam, war Jena der einzige Verein im ganzen Bundesland, der leistungsorientiert im Basketball arbeitete. Es gab in der Stadt eine gewisse Basketball-Tradition, weil Jena zu DDR-Zeiten in der Oberliga gespielt hatte. Viel wichtiger war aber aus Harmsens Sicht, dass 1992 Basketball an der Sportschule in Jena seinen Platz fand. Der 36Jährige erinnert sich an die grundsätzlichen Probleme in den neunziger Jahren: „Es war einfach schwer, Kinder zu begeistern, weil es keine Eltern gab, die diesen Sport ausgeübt hatten.“ Martin Geissler, der Geschäftsführer des Mitteldeutschen BC spricht von „fehlender Infrastruktur und fehlender sozialer Prägung“. Aus seiner Sicht war nicht einmal das Verständnis vorhanden, wie man Basketball „semiprofessionell betreibt“. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. So hat es Science City Jena geschafft, in den letzten sechs Jahren die Mitgliederzahl im Jugendbereich zu versechsfachen.

Europäischer Titel 2004

Der Mitteldeutsche BC war der erste Ostclub in der Bundesliga, spielte von 1999 bis 2004 erstmals in der Beletage. „Damals gab es Leute in Weißenfels, die privat Geld investiert haben“, blickt Martin Geissler zurück. Allerdings seien die Verantwortlichen die Sache auch recht blauäugig angegangen und hätten es versäumt, eine Infrastruktur zu entwickeln.

Es gab große Pläne in der Kleinstadt. 2004 gewann man unter dem ehemaligen Bundestrainer Henrik Dettmann die FIBA EuroCup Challenge. Der Sieg im international schwächsten Wettbewerb wurde mit der Insolvenz aber teuer erkauft. Zu dieser Zeit gab es auch Überlegungen, den Verein in das 50 km nordöstlich gelegene Leipzig umzusiedeln, die durch den finanziellen Crash aber obsolet wurden.

Aktuell ist ein Wechsel in die Metropole kein Thema mehr. Zwar tragen die Weißenfelser in jeder Saison eine besonders attraktive Partie in Leipzig aus, aber laut Geissler würde ein Umzug nur Sinn ergeben, wenn damit die finanziellen Möglichkeiten, oben mitzuspielen, verbunden wären.

Womit neben der fehlenden Breite und Tradition das dritte große Problem angesprochen ist: Die finanziellen Ressourcen im Osten sind geringer. „Es spielt nach wie vor eine Rolle, dass die neuen Bundesländer wirtschaftlich schwächer dastehen. Mäzene oder Sponsoren ohne regionalen Bezug sind nicht in Sicht“, sagt Björn Harmsen. Dazu kommt, dass das Thema Sportsponsoring grundsätzlich sehr schwer zu vermitteln ist. Es steckt immer noch in den Köpfen, dass Staat und Kommunen dem Sport unter die Arme greifen. Deshalb nahmen die Oettinger Rockets auch eine Sonderstellung unter den ostdeutschen Erstligisten ein. Aber seit dem Rückzug des Namensponsors und dem sportlichen Abstieg 2018 gibt es in der Region Erfurt nur noch ProB-Basketball.

Schafft Chemnitz den Aufstieg?

Nachdem in der Saison 2017/2018 drei Teams aus dem Osten in der höchsten Spielklasse unterwegs waren, könnte in der kommenden Spielzeit keine einzige Mannschaft aus den neuen Ländern mehr vertreten sein. Crailsheim hat zuletzt stark gespielt, und Bremerhaven ist seit dem Trainerwechsel deutlich besser unterwegs. Dass Jena und der MBC alles versuchen, um in der Liga zu bleiben, zeigen unter anderem die namhaften (und sicherlich nicht billigen) Nachverpflichtungen wie Ex-NBA-Spieler Reggie Williams und Ronald Roberts bei Jena, wo Björn Harmsen nach der Niederlagenserie die Verantwortung an Marius Linartas übertragen hat, oder die Rückkehr von Silvano Poropat auf die Kommandozentrale in Weißenfels, wo man zusätzlich auch beim spielenden Personal noch ordentlich nachgebessert hat. Dennoch wird es für beide Vereine ganz eng werden, wobei die Chancen für die Weißenfelser nach den zuletzt wichtigen Siegen im Derby gegen Jena und in Göttingen wieder gestiegen sind.

Sollte es wirklich zum GAU kommen, besteht zumindest die Chance, dass aus der ProA ein ostdeutsches Team aufsteigt, denn Chemnitz hat die Hauptrunde als Erster abgeschlossen und spielt jetzt im Halbfinale gegen Hamburg.

Euer

31 Mrz

Martin Schillers Erfolge in der G-League

Martin Schillers Erfolge in der G-League

Dirk Nowitzki, Dennis Schröder, Maxi Kleber und Daniel Theis – sie sind die etablierten deutschen Spieler in der NBA, gehören zu einer selbst im Profisport außergewöhnlichen Glamourszene und genießen große mediale Aufmerksamkeit. Die Youngster Moritz Wagner (21), Isaiah Hartenstein (20) und Isaac Bonga (19) stehen auf dem Sprung dorthin. Sie haben schon Spiele in der besten Basketballliga der Welt bestritten, kommen aber in unterschiedlichem Umfang auch in der G-League zum Einsatz, der Entwicklungsliga der NBA. Dort stellt jeder Club ein Farmteam, in dem sich junge Spieler entwickeln und Rekonvaleszenten wieder in Form bringen sollen. Gibt es im NBA-Kader für einen dieser Spieler Bedarf, wechselt er nach oben. Entsprechend ist die Fluktuation extrem hoch. Die G-League ist zweifellos ein ganz besonderes Konstrukt und aufgrund ihrer Mechanismen kein einfaches Unterfangen für die Coaches.

Mein ehemaliger Assistent und Freund Martin Schiller kann das nur unterstreichen. Der Anglo-Österreicher wuchs in Hamburg auf und fungiert in seiner zweiten Saison als Head Coach der Salt Lake City Stars, die in der G-League als Farmteam des Utah Jazz an den Start gehen. „Es gibt klare Vorgaben von oben, was die Einsatzzeit der Akteure betrifft, aber auch bezüglich ihrer Rollen. Es gibt Spieler, die zum Beispiel fünf Mal pro Partie den Ball in einer bestimmten Position erhalten müssen“, erklärt der 37Jährige.

Martin hatte sich 2017 gegen neun Mitbewerber im Rennen um die Head-Coach-Position durchgesetzt. Utahs Cheftrainer Quin Snyder hält große Stücke auf ihn und baut ihn immer wieder auch in die Abläufe des NBA-Teams ein. Entsprechend könnte es möglich sein, dass er zur nächsten Saison ins Trainerteam des Jazz wechselt. In seiner zweiten Saison mit den Stars hat er einen neuen Siegesrekord aufgestellt und die erste Playoffteilnahme in der Geschichte des Farmteams realisiert. Das ist fast schon sensationell, weil der Talentlevel der Mannschaft von Experten als absolut überschaubar eingestuft wird.

Ein weiteres Jahr in der G-League kann sich Martin noch vorstellen. Sollte der große Traum von der NBA danach nicht in Erfüllung gehen, würde er mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern nach Europa zurückkehren: „Wenn man diesen Job zu lange macht, beginnt man Dinge zu akzeptieren, die man als Coach eigentlich nicht akzeptieren möchte.“ Damit spielt Martin auf die fehlende Kontinuität beim spielenden Personal an, die ein planbares Arbeiten fast unmöglich macht, aber auch auf die minimalen Trainingsumfänge. Die Saisonvorbereitung dauert nicht länger als eine Woche, und während der Spielzeit halten sich Training und Wettkampf die Waage. Während der Trainer in der G-League schlecht bezahlt wird, ist er disziplinarischer Vorgesetzter für Akteure, die bis zu zwei Millionen Dollar pro Saison verdienen. Neben der Sprungbrettfunktion für die NBA mag Coach Schiller an der G-League vor allem den Grundgedanken: „Es geht immer um die Entwicklung von Potenzial. Siege sind nicht das primäre Ziel, sondern dann letztendlich ein willkommenes Nebenprodukt.“

Im Gegensatz zu anderen Teams legen die Stars viel Wert auf die Defensive. Insgesamt wird aber deutlich weniger verteidigt als in er NBA, da einfach auch die Zeit fehlt, defensive Strukturen zu etablieren. Die Spieler versuchen, über ihre offensiven Statistiken in die NBA zu kommen. Das Niveau sieht Martin niedriger als in den Topligen Europas, betont aber auch: „Es gibt Spieler, die wären in Deutschland in der Pro B und andere, die NBA-Fähigkeiten haben. Entsprechend ist der Talentlevel zum Teil unfassbar hoch.“

Ähnlich wie Martin an der Seitenlinie hinterlässt Isaiah Hartenstein auf dem Feld einen herausragenden Eindruck in der G-League. Der Sohn meines ehemaligen Spielers Florian Hartenstein ist der beste Rebounder und einer der absoluten Topspieler der Liga. Der Linkshänder bestreitet ungefähr genauso viele Spiele für die Houston Rockets um MVP James Harden wie für das Farmteam Rio Grande Valley Vipers.  Rookie Isaac Bonga wurde im November erst 19 Jahre alt und spielte in der Hauptrunde fast ausschließlich für die South Bay Lakers in der G-League, wo er solide Vorstellungen abliefert. Seine mittelfristige Position ist noch offen. Während er vor seinem Wechsel in die Staaten bei den Fraport Skyliners überwiegend als Spielmacher eingesetzt wurde, ist er derzeit häufig als Small Forward unterwegs. Moritz Wagner wurde ebenso wie Bonga im Sommer von den Los Angeles Lakers gedraftet, nachdem er zuvor an der University of Michigan gespielt hatte. Als Erstrundenpick ist der Berliner ganz überwiegend beim NBA-Team, wo er bislang aber noch keine feste Rolle einnehmen kann. Allerdings konnte er mit 22 Punkten Anfang März gegen Boston sein großes Potenzial unterstreichen.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, Hartenstein, Bonga und Wagner müssen sich auch weiterhin über die G-League empfehlen, die in den letzten Jahren aufgewertet wurde, aber immer noch über deutlich weniger Strahlkraft – und auch Qualität – als der große Bruder NBA verfügt. So sieht es wohl auch Bundestrainer Henrik Rödl, der den drei Nachwuchshoffnungen im Gegensatz zu Schröder, Theis und Kleber keinen Kaderplatz für die WM garantiert.

Euer