27 Mai

Immer ein wenig unter dem Radar: Wie stark ist Oldenburg?

Immer ein wenig unter dem Radar: Wie stark ist Oldenburg?

Dieser Club gewann die letzte Meisterschaft, bevor Bamberg und München sich anschickten, der deutschen Eliteliga Dieser ihren Stempel aufzudrücken. Zu diesem Titel von 2009 kam 2015 noch ein Pokalsieg hinzu. Und obwohl auch die Konstanz mit neun Playoff-Teilnahmen in den letzten zehn Jahren stimmt, fliegen die EWE Baskets Oldenburg fast in jeder Saison unter dem Radar der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung. Im Nordwesten der Republik nehmen sie eine geographische Randlage ein, sind an einem eher beschaulichen Ort zu Hause, dessen Medienlandschaft nicht einmal annährend an die Dimensionen von München oder Berlin heranragt. Zudem tragen die Oldenburger auch kein großes „B“ im Namen, was ihnen eine Nennung im gleichen Atemzug mit Bayern, Berlin und Bamberg sichern könnte. Letztendlich würde dies aber inhaltlich auch nicht passen, denn an der Hunte versteht man sich als bodenständig und kann mit schillerndem Glamour nur wenig anfangen.

Das Aushängeschild des Vereins steht sinnbildlich für diesen Denkweise. Rickey Paulding ist ein Basketball-Star, der in dieser Rolle für seine herausragenden Leistungen bewundert wird. Aber geliebt und verehrt wird der 36Jährige wegen seiner Bescheidenheit, seines Standpunktes, dass die Familie über allem steht und seiner Verbundenheit zur Stadt und zur Region. Paulding war bei der Meisterschaft 2009 der Finals-MVP und spielt bereits seit 2007 bei den Oldenburgern, wo er seine Karriere auch beenden wird.

Die Gallionsfigur, der MVP und der Point Center

In dieser Spielzeit weiß die Oldenburger Gallionsfigur zwei ganz besondere Basketballer an ihrer Seite. Will Cummings ist ein pfeilschneller Einser, der die meisten Punkte in der Liga erzielt. Damit ist klar, dass der Begriff Scoring Point Guard ihn treffend umschreibt. Auch wenn der Amerikaner bei seiner Penetration manchmal eine „Kopf-durch-die-Wand-Attitüde“ an den Tag legt, ist er ein würdiger MVP. Allerdings war das Rennen in dieser Saison extrem offen. T.J. Bray, John Bryant, Luke Sikma oder Derrick Williams waren Kandidaten, die auch immer in die Diskussion geworfen wurden. Zwei Namen fielen mir nicht häufig genug. Zum einen Danilo Barthel, der als bester und konstantester Spieler der besten Mannschaft mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, zum anderen Rasid Mahalbasic. Der österreichische Center der Oldenburger hat in dieser Spielzeit eine Metamorphose durchlebt, Gewicht verloren und ein neues Rollenverständnis entwickelt. Für mich ist der 28Jährige der beste Big Man der Liga, ein Point Center, der sich als Scoring Option im Vergleich zur Vorsaison zurückgenommen hat, aber dafür seine Mitspieler mit gutem Auge und glänzenden Pässen konstant in Szene setzt. Sein 1-1 im Low Post ist dennoch weiterhin elitär gut. Dieses Trio ist hauptverantwortlich für einen exzellenten offensiven Rhythmus, der aber auch stark von den Stretch-Qualitäten der Power Forwards Philipp Schwethelm und Nathan Boothe mitgetragen wird.

Fragezeichen Tiefe

Mladen Drijencic ist ein Coach, der grundsätzlich eher zu kürzeren Rotationen tendiert. In dieser Saison ist Oldenburg acht Spieler tief. Zu den sechs Ausländern gesellen sich noch Karsten Tadda und Schwethelm. Dies war während der Hauptrunde kein Problem, da die Niedersachsen das erste Mal seit Jahren nicht international spielten und somit keiner Doppelbelastung ausgesetzt waren. In dieser Konstellation kam den EWE Baskets zugute, dass Boothe beide großen Positionen spielen kann. Frantz Massenat, der Ende März in Göttingen mit 40 Zählern den Saisonrekord markierte, kann immer wieder mal in den Mikrowellenmodus umschalten und ist neben Boothe die wichtigste Option von der Bank.

Was ist im Halbfinale möglich?

Oldenburg erzielt die meisten Punkte in der Liga. Die Offensive läuft wie eine gut geölte Maschine, wofür sicherlich auch die hohe personelle Kontinuität ein Faktor ist. Das Korbverhältnis von +375 in der Hauptrunde lag in den Sphären von Berlin und München. Die Drijencic-Schützlinge haben in der ganzen Saison nur ein einziges Heimspiel verloren. Viele Dinge sprechen für Paulding & Co. Im Halbfinale geht es jetzt aber ausgerechnet gegen ALBA Berlin, jene Mannschaft, die Oldenburg die einzige Heimniederlage zufügen konnte. Noch relevanter ist, dass die Berliner deutlich tiefer besetzt sind. Dass dieser Faktor auch überschätzt werden kann, demonstriert derzeit Vechta gegen Bamberg. Dennoch glaube ich, dass die großartige Oldenburger Saison im Halbfinale gegen den Eurocup-Finalisten aus der Hauptstadt ihr Ende finden wird.

Wohin geht es nach dieser Saison?

Der Vertrag mit Mladen Drijencic wurde bereits um zwei Jahre verlängert. Der empathische und enthusiastische Coach erfreut sich in Oldenburg großer Beliebtheit und weist, was natürlich noch wichtiger ist, auch Erfolge vor. Seine Zusammenarbeit mit Sportdirektor Srdjan Klaric funktioniert sehr harmonisch. Entsprechend sind im Umfeld der Mannschaft die Weichen bereits gestellt. Oldenburg wird ein Playoff-Abonnementsteilnehmer mit Halbfinalpotenzial bleiben und in der nächsten Saison auch wieder europäisch auflaufen.

Euer

11 Mai

Das Auge für Talente

Das Auge für Talente

Wenn der renommierteste deutsche Trainer der Basketball-Bundesliga sich entscheidet, seinen Platz auf der Bank gegen die Rolle des Sportdirektors einzutauschen, ist das im Basketball nicht nur per se außergewöhnlich, sondern auch ein Signal, dass diese bislang unterbewertete und bei den meisten Vereinen immer noch unbesetzte Position zukünftig eine größere Rolle einnehmen wird. Thorsten Leibenath, der ratiopharm ulm in der Spitzengruppe der deutschen Eliteliga etablierte wird nach acht Jahren als Head Coach ab der kommenden Spielzeit die Geschicke des Clubs in neuer Funktion mitgestalten. Die Ulmer werden damit erstmals über einen Sportdirektor verfügen, was übrigens auch für medi bayreuth gilt. Dort wurde Matthias Haufer als erster sportlicher Leiter in der Clubgeschichte vorgestellt. Trotz dieser beiden „Neuzugänge“ haben derzeit nur sieben von 18 Vereinen diesen Posten vergeben. Gerade die kleineren und finanziell überschaubarer ausgestatteten Bundesligisten scheuen sich, für diese Aufgabe Geld in die Hand zu nehmen, was dann letztendlich im Spieleretat fehlen würde. Aber dies ist vom Ansatz her zu kurzfristig gedacht.

Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Sportdirektors, entwicklungsfähige Akteure zu finden. Entsprechend ist ein Hintergrund im Scouting, der Sichtung und Einschätzung von Spielern, eine Art Grundvoraussetzung. So arbeitet „Matt“ Haufer bereits seit 2014 als Scout für den Bayreuther Cheftrainer Raoul Korner. In der Regel sind die Head Coaches und ihre Assistenten durch das immer komplexer werdende Anforderungsprofil ihres Jobs bestenfalls in der Lage, diesen Bereich noch peripher abzudecken. So war es eines der Erfolgsgeheimnisse der Bamberger Meisterjahre 2010-2013, mit Brendan Rooney über einen Scout zu verfügen, der den Spielermarkt ganzjährig beobachtete. Das erlaubte den Oberfranken, im Bedarfsfall deutlich schneller und gezielter als die Konkurrenz zu handeln. Die Sportdirektor ist permanent in der Lage, Spieler in anderen Ligen auch vor Ort in Augenschein zu nehmen, und kann auch besondere Events abdecken. So führte Haufers erste Dienstreise im April nach Virginia zum Portsmouth Invitational Tournament (PIT), bei dem sich für Europa interessante College-Absolventen präsentieren. Teams ohne Sportdirektor können diese Veranstaltung aufgrund der Terminierung während der Bundesligasaison nicht besetzen.

Neben einem Auge für Talente ist auch ein starkes Netzwerk elementar für einen guten Sportdirektor. Der Spanier Himar Ojeda, der diese Position bei ALBA Berlin bekleidet, fungierte als Director of International Scouting für den NBA-Club Atlanta Hawks. Daniele Baiesi, sein italienisches Pendant bei Bayern München, war in gleicher Funktion fünf Jahre für die Detroit Pistons tätig. Wie wichtig mittlerweile die Spitzenvereine diese Position einstufen, lässt sich an der Personalie Baiesi gut ablesen. Von 2014-2017 war der 43Jährige Sportdirektor bei Brose Bamberg. Sein folgender Wechsel zu den Bayern sorgte für viel Wirbel. Ohne Baiesi ging es bei Bamberg bergab und in München bergauf. Der Italiener galt als Architekt der Meisterteams von Andrea Trinchieri. Sein litauischer Nachfolger Ginas Rutkauskas griff bei der Spielerauswahl ordentlich daneben und ist mittlerweile nicht mehr für Brose tätig. Entsprechend sucht Bamberg einen neuen sportlichen Kopf.

Wichtigste interne Aufgabe der Sportdirektoren ist es, die sportliche Gesamtkonzeption des Vereins zu entwickeln. Der Verzahnung von Bundesliga, Farmteam und Jugendleistungsbereich kommt dabei eine ganz besondere Rolle zu. Die Clubs werden diesbezüglich immer ambitionierter, professionalisieren Strukturen und benötigen dafür einen Supervisor und Visionär mit entsprechendem Knowhow. In diesem Feld hat Ojeda mit seinem Engagement in Berlin absolute Vorbildfunktion. Er holte mit seinem Landsmann Aíto Garcia Reneses nicht nur den wahrscheinlich besten Talententwickler Europas (eine Verpflichtung, die ohne Ojeda wohl nie möglich gewesen wäre), sondern intensivierte die ohnehin schon beeindruckende Jugendarbeit weiter. Dass mit dem ehemaligen Nationalspieler und Vereins-Vize Henning Harnisch ein Ex-Sportdirektor die zweite treibende Kraft im Nachwuchsbereich ist, spricht für die Kontinuität des Berliner Ansatzes, von dessen Nachhaltigkeit die meisten Bundesligisten aber weit entfernt sind.

Möglicherweise fehlt es den Geschäftsführern nicht nur an Geld, sondern auch an der Zeit, Konzepte zu entwickeln. Die Etablierung eines Sportdirektors bringt sowohl für das Management als auch für das Trainerteam Entlastung und holt zugleich einen Partner auf Augenhöhe ins Boot, mit dem die Zukunft gestaltet werden kann. Es ist immer hilfreich, wenn sich alle Beteiligten auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können. Marko Pesic, der Geschäftsführer der Bayern-Basketballer, begann in München als Sportdirektor. Von 2013-2017 übte er beide Aufgaben in Personalunion aus. Seit Baiesi mit an Bord ist, hat das gesamte Projekt zusätzliche Fahrt aufgenommen.

Euer

16 Apr

Es fehlt an Geld, Breite und Tradition

Es fehlt an Geld, Breite und Tradition

Mit dem Mitteldeutschen BC und Science City Jena kämpfen die beiden einzigen ostdeutschen Vereine in der Basketball-Bundesliga um den Klassenerhalt. Sollten beide Clubs absteigen, wäre dies ein herber Rückschlag für den Basketball in den neuen Bundesländern, der dort seit jeher mit erschwerten Bedingungen zurechtkommen muss.

1969 fasste der DDR-Ministerrat den Entschluss, Sportarten ohne Medaillenchance bei den Olympischen Spielen in der Förderung massiv zu beschneiden. Davon betroffen waren auch die Basketballer, deren Schicksal damit endgültig besiegelt wurde. 48 Jahre später, 2017/2018 spielten mit Science City Jena, dem Mitteldeutschen BC und den Oettinger Rockets in Erfurt erstmals drei ostdeutsche Mannschaften in der Basketball-Bundesliga. Doch bis dahin war es ein langer und schwieriger Weg für die Korbjäger in den neuen Ländern, die immer noch die Folgen der Entscheidung von 1969 spüren.

Ohne Basketballeltern keine Basketballkinder

Als der in Göttingen geborene Jenaer (Ex-)Coach Björn Harmsen 1994 als Zwölfjähriger nach Thüringen kam, war Jena der einzige Verein im ganzen Bundesland, der leistungsorientiert im Basketball arbeitete. Es gab in der Stadt eine gewisse Basketball-Tradition, weil Jena zu DDR-Zeiten in der Oberliga gespielt hatte. Viel wichtiger war aber aus Harmsens Sicht, dass 1992 Basketball an der Sportschule in Jena seinen Platz fand. Der 36Jährige erinnert sich an die grundsätzlichen Probleme in den neunziger Jahren: „Es war einfach schwer, Kinder zu begeistern, weil es keine Eltern gab, die diesen Sport ausgeübt hatten.“ Martin Geissler, der Geschäftsführer des Mitteldeutschen BC spricht von „fehlender Infrastruktur und fehlender sozialer Prägung“. Aus seiner Sicht war nicht einmal das Verständnis vorhanden, wie man Basketball „semiprofessionell betreibt“. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. So hat es Science City Jena geschafft, in den letzten sechs Jahren die Mitgliederzahl im Jugendbereich zu versechsfachen.

Europäischer Titel 2004

Der Mitteldeutsche BC war der erste Ostclub in der Bundesliga, spielte von 1999 bis 2004 erstmals in der Beletage. „Damals gab es Leute in Weißenfels, die privat Geld investiert haben“, blickt Martin Geissler zurück. Allerdings seien die Verantwortlichen die Sache auch recht blauäugig angegangen und hätten es versäumt, eine Infrastruktur zu entwickeln.

Es gab große Pläne in der Kleinstadt. 2004 gewann man unter dem ehemaligen Bundestrainer Henrik Dettmann die FIBA EuroCup Challenge. Der Sieg im international schwächsten Wettbewerb wurde mit der Insolvenz aber teuer erkauft. Zu dieser Zeit gab es auch Überlegungen, den Verein in das 50 km nordöstlich gelegene Leipzig umzusiedeln, die durch den finanziellen Crash aber obsolet wurden.

Aktuell ist ein Wechsel in die Metropole kein Thema mehr. Zwar tragen die Weißenfelser in jeder Saison eine besonders attraktive Partie in Leipzig aus, aber laut Geissler würde ein Umzug nur Sinn ergeben, wenn damit die finanziellen Möglichkeiten, oben mitzuspielen, verbunden wären.

Womit neben der fehlenden Breite und Tradition das dritte große Problem angesprochen ist: Die finanziellen Ressourcen im Osten sind geringer. „Es spielt nach wie vor eine Rolle, dass die neuen Bundesländer wirtschaftlich schwächer dastehen. Mäzene oder Sponsoren ohne regionalen Bezug sind nicht in Sicht“, sagt Björn Harmsen. Dazu kommt, dass das Thema Sportsponsoring grundsätzlich sehr schwer zu vermitteln ist. Es steckt immer noch in den Köpfen, dass Staat und Kommunen dem Sport unter die Arme greifen. Deshalb nahmen die Oettinger Rockets auch eine Sonderstellung unter den ostdeutschen Erstligisten ein. Aber seit dem Rückzug des Namensponsors und dem sportlichen Abstieg 2018 gibt es in der Region Erfurt nur noch ProB-Basketball.

Schafft Chemnitz den Aufstieg?

Nachdem in der Saison 2017/2018 drei Teams aus dem Osten in der höchsten Spielklasse unterwegs waren, könnte in der kommenden Spielzeit keine einzige Mannschaft aus den neuen Ländern mehr vertreten sein. Crailsheim hat zuletzt stark gespielt, und Bremerhaven ist seit dem Trainerwechsel deutlich besser unterwegs. Dass Jena und der MBC alles versuchen, um in der Liga zu bleiben, zeigen unter anderem die namhaften (und sicherlich nicht billigen) Nachverpflichtungen wie Ex-NBA-Spieler Reggie Williams und Ronald Roberts bei Jena, wo Björn Harmsen nach der Niederlagenserie die Verantwortung an Marius Linartas übertragen hat, oder die Rückkehr von Silvano Poropat auf die Kommandozentrale in Weißenfels, wo man zusätzlich auch beim spielenden Personal noch ordentlich nachgebessert hat. Dennoch wird es für beide Vereine ganz eng werden, wobei die Chancen für die Weißenfelser nach den zuletzt wichtigen Siegen im Derby gegen Jena und in Göttingen wieder gestiegen sind.

Sollte es wirklich zum GAU kommen, besteht zumindest die Chance, dass aus der ProA ein ostdeutsches Team aufsteigt, denn Chemnitz hat die Hauptrunde als Erster abgeschlossen und spielt jetzt im Halbfinale gegen Hamburg.

Euer

31 Mrz

Martin Schillers Erfolge in der G-League

Martin Schillers Erfolge in der G-League

Dirk Nowitzki, Dennis Schröder, Maxi Kleber und Daniel Theis – sie sind die etablierten deutschen Spieler in der NBA, gehören zu einer selbst im Profisport außergewöhnlichen Glamourszene und genießen große mediale Aufmerksamkeit. Die Youngster Moritz Wagner (21), Isaiah Hartenstein (20) und Isaac Bonga (19) stehen auf dem Sprung dorthin. Sie haben schon Spiele in der besten Basketballliga der Welt bestritten, kommen aber in unterschiedlichem Umfang auch in der G-League zum Einsatz, der Entwicklungsliga der NBA. Dort stellt jeder Club ein Farmteam, in dem sich junge Spieler entwickeln und Rekonvaleszenten wieder in Form bringen sollen. Gibt es im NBA-Kader für einen dieser Spieler Bedarf, wechselt er nach oben. Entsprechend ist die Fluktuation extrem hoch. Die G-League ist zweifellos ein ganz besonderes Konstrukt und aufgrund ihrer Mechanismen kein einfaches Unterfangen für die Coaches.

Mein ehemaliger Assistent und Freund Martin Schiller kann das nur unterstreichen. Der Anglo-Österreicher wuchs in Hamburg auf und fungiert in seiner zweiten Saison als Head Coach der Salt Lake City Stars, die in der G-League als Farmteam des Utah Jazz an den Start gehen. „Es gibt klare Vorgaben von oben, was die Einsatzzeit der Akteure betrifft, aber auch bezüglich ihrer Rollen. Es gibt Spieler, die zum Beispiel fünf Mal pro Partie den Ball in einer bestimmten Position erhalten müssen“, erklärt der 37Jährige.

Martin hatte sich 2017 gegen neun Mitbewerber im Rennen um die Head-Coach-Position durchgesetzt. Utahs Cheftrainer Quin Snyder hält große Stücke auf ihn und baut ihn immer wieder auch in die Abläufe des NBA-Teams ein. Entsprechend könnte es möglich sein, dass er zur nächsten Saison ins Trainerteam des Jazz wechselt. In seiner zweiten Saison mit den Stars hat er einen neuen Siegesrekord aufgestellt und die erste Playoffteilnahme in der Geschichte des Farmteams realisiert. Das ist fast schon sensationell, weil der Talentlevel der Mannschaft von Experten als absolut überschaubar eingestuft wird.

Ein weiteres Jahr in der G-League kann sich Martin noch vorstellen. Sollte der große Traum von der NBA danach nicht in Erfüllung gehen, würde er mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern nach Europa zurückkehren: „Wenn man diesen Job zu lange macht, beginnt man Dinge zu akzeptieren, die man als Coach eigentlich nicht akzeptieren möchte.“ Damit spielt Martin auf die fehlende Kontinuität beim spielenden Personal an, die ein planbares Arbeiten fast unmöglich macht, aber auch auf die minimalen Trainingsumfänge. Die Saisonvorbereitung dauert nicht länger als eine Woche, und während der Spielzeit halten sich Training und Wettkampf die Waage. Während der Trainer in der G-League schlecht bezahlt wird, ist er disziplinarischer Vorgesetzter für Akteure, die bis zu zwei Millionen Dollar pro Saison verdienen. Neben der Sprungbrettfunktion für die NBA mag Coach Schiller an der G-League vor allem den Grundgedanken: „Es geht immer um die Entwicklung von Potenzial. Siege sind nicht das primäre Ziel, sondern dann letztendlich ein willkommenes Nebenprodukt.“

Im Gegensatz zu anderen Teams legen die Stars viel Wert auf die Defensive. Insgesamt wird aber deutlich weniger verteidigt als in er NBA, da einfach auch die Zeit fehlt, defensive Strukturen zu etablieren. Die Spieler versuchen, über ihre offensiven Statistiken in die NBA zu kommen. Das Niveau sieht Martin niedriger als in den Topligen Europas, betont aber auch: „Es gibt Spieler, die wären in Deutschland in der Pro B und andere, die NBA-Fähigkeiten haben. Entsprechend ist der Talentlevel zum Teil unfassbar hoch.“

Ähnlich wie Martin an der Seitenlinie hinterlässt Isaiah Hartenstein auf dem Feld einen herausragenden Eindruck in der G-League. Der Sohn meines ehemaligen Spielers Florian Hartenstein ist der beste Rebounder und einer der absoluten Topspieler der Liga. Der Linkshänder bestreitet ungefähr genauso viele Spiele für die Houston Rockets um MVP James Harden wie für das Farmteam Rio Grande Valley Vipers.  Rookie Isaac Bonga wurde im November erst 19 Jahre alt und spielte in der Hauptrunde fast ausschließlich für die South Bay Lakers in der G-League, wo er solide Vorstellungen abliefert. Seine mittelfristige Position ist noch offen. Während er vor seinem Wechsel in die Staaten bei den Fraport Skyliners überwiegend als Spielmacher eingesetzt wurde, ist er derzeit häufig als Small Forward unterwegs. Moritz Wagner wurde ebenso wie Bonga im Sommer von den Los Angeles Lakers gedraftet, nachdem er zuvor an der University of Michigan gespielt hatte. Als Erstrundenpick ist der Berliner ganz überwiegend beim NBA-Team, wo er bislang aber noch keine feste Rolle einnehmen kann. Allerdings konnte er mit 22 Punkten Anfang März gegen Boston sein großes Potenzial unterstreichen.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, Hartenstein, Bonga und Wagner müssen sich auch weiterhin über die G-League empfehlen, die in den letzten Jahren aufgewertet wurde, aber immer noch über deutlich weniger Strahlkraft – und auch Qualität – als der große Bruder NBA verfügt. So sieht es wohl auch Bundestrainer Henrik Rödl, der den drei Nachwuchshoffnungen im Gegensatz zu Schröder, Theis und Kleber keinen Kaderplatz für die WM garantiert.

Euer

 

 

 

 

11 Mrz

Von Obiesie bis Williams: Die interessantesten Saisontransfers

Von Obiesie bis Williams: Die interessantesten Saisontransfers

Um es gleich vorab zu klären, noch sind Spielerverpflichtungen in der easyCredit-BBL möglich. Die Regelung besagt, dass jeder Club bis Ende Februar vier Akteure „nachträglich“ unter Vertrag nehmen darf. Wer dieses Kontingent nicht ausgeschöpft hat, erhält die Option, im März noch einen – und nur einen – Spieler zum Kader hinzufügen. Damit soll auf der einen Seite ermöglicht werden, noch auf eventuelle Verletzungen zu reagieren. Andererseits sichert die Beschränkung auf lediglich einen „letzten Schuss“, dass die Teams nicht ihr Geld horten, um für den Endspurt mit vier Hochkarätern die Kräfteverhältnisse komplett neu zu ordnen.

Bei der Bewertung der Nachverpflichtungen bis zur ersten Deadline am 28. Februar möchte ich keiner Chronistenpflicht genügen und alle abarbeiten. Stattdessen habe ich mir die Nachverpflichtungen herausgepickt, die ich als besonders interessant erachte. Die Spannbreite ist beachtlich, sie geht von Reggie Williams mit über 200 NBA-Spielen bis zu Joshua Obiesie, der mit 18 Jahren ein Profidebütant ist.

Das Spitzenteam

Mit Landry Nnoko hat ALBA BERLIN einen Spieler verpflichtet, der schon lange auf Himar Oyedas Wunschliste stand. Der Kameruner bringt jene Athletik mit, die den Berlinern am Brett zuvor fehlte. An der Spielzeit gemessen ist der 24Jährige der beste Rebounder der Albatrosse, er wirft 72% aus dem Feld und gibt defensiv eine Shotblocker-Präsenz. Nnoko ist klar stärker als Dennis Clifford, der wohl nur Zuschauer sein dürfte, wenn alle Ausländer fit sind. Derrick Walton war nach Stefan Penos Verletzung ein Muss. Er bringt jede Menge Potenzial mit, aber nach nur einem Bundesliga-Spiel wäre eine Bewertung unangebracht.

Die Playoff-Aspiranten

Wie schwer es manchmal ist, den richtigen Spieler zu finden, mussten die Telekom Baskets Bonn erfahren. Als sich Charles Jackson am 20. November eine schwere Fußverletzung zuzog, sondierten die Verantwortlichen den Markt nach einem vergleichbaren Centertypen. Nur, ein solcher Spieler war nicht zu finden, so dass sich die Bonner notgedrungen für Stefan Bircevic, einen Power Forward entschieden, der gerne von außen wirft. Diese Umstellung tat dem Spiel der Rheinländer nicht gut, zumal der Serbe schwache Quoten lieferte. So war es keine Überraschung, dass Chris O’Shea Jackson gegen Ulm schon überraschend früh wieder auf das Parkett schickte.

Mit Nate Linhart holten die Bonner zudem noch einen alten Bekannten zurück, der bislang aber noch seinen Rhythmus sucht – ganz im Gegensatz zu Marcos Knight. Der aus der Türkei gekommene Ex-Jenaer legt in seinen ersten sieben Spielen für Ludwigsburg beeindruckende Werte auf (17,4 Punkte, 6,6 Rebounds und 4,0 Assists) und steht zudem in der Verteidigung seinen Mann. Der 29Jährige verfügt über eine starke Präsenz und die Fähigkeit, vier Positionen zu spielen. So kann er unter anderem als Point Guard Jordon Crawford wichtige Verschnaufpausen verschaffen.

Als Gießen die Verpflichtung von Jared Jordan publik machte, gab es Kritiker, die meinten, dass die 46ers eigentlich mehr jugendliche Frische und defensive Physis benötigen würden als dies der Routinier mitbringt. Natürlich hievt der Assist-König die Verteidigung der Mittelhessen auf kein höheres Niveau, aber in seinen bisherigen sieben Partien legt der 34Jährige 7,1 Punkte und 7,1 Assists auf, wobei er (willkommen in Gießen!) über 50 Prozent seiner Dreiversuche verwandelte. Zudem ist er der zweiteffizienteste Spieler der Mannschaft hinter John Bryant.

Knapp 15 Minuten pro Partie steht Joshua Obiesie bislang in Würzburg auf dem Parkett. Denis Wucherer hat Wort gehalten und vertraut dem Youngster auch in kritischen bzw. entscheidenden Phasen. Der 18Jährige steht in solchen Momenten nicht nur auf dem Parkett, sondern hält auch den Ball in seinen Händen und darf Entscheidungen treffen. Es ist auffällig, mit welcher Abgeklärtheit der Münchner in diesen Situationen schon agiert. Trotzdem bringt er eine gute Dosis jugendlicher Unbekümmertheit, die jedem Team guttut.

Im Falle der Verletzung von Hassan Martin blieb Bayreuth keine andere Wahl als zu handeln. Mit Eric Mika fanden die Oberfranken einen anderen Typ Center, aber im Gegensatz zu den Bonnern einen Center – und dazu noch einen guten. Der Mormone ist mobil und technisch versiert, alles in allem ein sehr guter Transfer. Auf der Spielmacherposition mussten die Bayreuther nichts unternehmen, wollten es aber aufgrund der zum Teil uninspirierten Vorstellungen von David Stockton. Rückkehrer Kyan Anderson soll über seinen Speed mehr Kreativität ins Spiel bringen, was ihm in seinen ersten vier Auftritten aber nur bedingt gelang. Das belegen sowohl seine Statistiken als auch die Bilanz mit einem Sieg bei drei Niederlagen.

Der Abstiegskandidat

Reggie Williams nach Jena, das klang zunächst wie der absolute Hammer, war aber auch ein Risiko, weil der Linkshänder mehr als eineinhalb Jahre nicht mehr im Spielbetrieb stand. Aber der 32Jährige zeigte schnell, dass er noch scoren und richtig gut Basketball spielen kann. Mit seinen Crunchtimepunkten gegen Braunschweig und seiner Glanzvorstellung in Ulm trug er ganz entscheidend zu zwei wichtigen Siegen im Kampf um den Klassenerhalt bei. Leider ist der Veteran aufgrund einer Verletzung für das Kellerduell in Bremerhaven fraglich, aber mit Power Forward Ronald Roberts hat Björn Harmsen ja einen weiteren guten Griff getan.

Das Fazit

Wer war nun die beste Nachverpflichtung? Ich habe mich für drei Namen entschieden:

Kurzfristig: Marcos Knight. Kein anderer Saisontransfer ist in der Lage, einen größeren Einfluss auf das Spiel zu nehmen. Knight ist unglaublich stark im 1-1, kann jederzeit 30 Zähler auflegen und ein Spiel dominieren. Darüber hinaus weiß er genau, worauf es in der BBL ankommt.

Mittelfristig: Llandry Nnoko. Mit 24 Jahren ist er ein Rohdiamant, der aber athletisch herausragende Voraussetzungen mitbringt. Wer verfolgt, wie sich andere Talente in der Hauptstadt entwickeln, weiß, dass Aíto und seiner Trainerteam ihn auf Hochglanz polieren werden.

Langfristig: Joshua Obiesie. Seine Verpflichtung war ein extrem smarter Move der Würzburger. Auch er verfügt wie Nnoko über eine großartige Perspektive, wobei er sogar noch sechs Jahre jünger ist. Mit seiner Länge von 1,97 Meter kann er ein außergewöhnlicher Guard werden.

Euer

23 Feb

WM im Sommer: Wie könnte der deutsche Kader aussehen?

WM im Sommer: Wie könnte der deutsche Kader aussehen?

Die deutsche Basketballnationalmannschaft hat sich bereits für die WM in China qualifiziert. Ergebnisse und Leistungen der DBB-Korbjäger waren bislang vom Feinsten, wozu man Henrik Rödl und seinen Akteuren nur gratulieren kann. Langsam aber rückt die Frage in den Vordergrund, wie der Kader für den Sommer aussehen könnte.

Der Backcourt: Schröder, Lo und wer noch?

NBA-Star Dennis Schröder dürfte genauso gesetzt sein wie Bayern-Guard Maodo Lo. Diese beiden Düsenjets liefern Beschleunigung, Endgeschwindigkeit, die Fähigkeit, den eigenen Wurf zu kreieren und durch ihre Penetration zum Korb Lücken für ihre Mitspieler zu reißen. Aber wer komplettiert den Backcourt neben ihnen? Ismet Akpinar und Bastian Doreth haben in der Qualifikation weitestgehend den Spielaufbau übernommen. Es ist schwer vorstellbar, dass beide mit nach China fliegen, wenn Schröder und Lo zur Verfügung stehen. Joshiko Saibou wäre in der vergangenen Saison ein heißerer Kandidat als in dieser Spielzeit gewesen, in der ihn Verletzungen zurückgeworfen haben. Karsten Tadda bringt Verteidigung und große Rollenakzeptanz, Andreas Obst die Gefährlichkeit von der Dreipunktelinie (44,3% in der ACB). Zu guter Letzt müssen wir noch Isaac Bonga in die Diskussion einführen. Die Fähigkeit, alle drei Außenpositionen zu spielen und mit seiner Länge defensiv Attribute in die Waagschale zu werfen, die seine Konkurrenten rein körperlich nicht mitbringen, machen den 19Jährigen definitiv interessant.

Small Forward: Zwei aus Drei?

Auf dieser Position wird viel davon abhängen, wie sich die Formkurve bei Paul Zipser gestaltet. Sollte der Rekonvaleszent bis zum Sommer in Topverfassung kommen, führt eigentlich kaum ein Weg an ihm vorbei. Der aktuell verletzte Robin Benzing hat in der Qualifikation über 18 Punkte pro Partie erzielt und die Mannschaft in vielen Momenten offensiv getragen. Dies könnte für Niels Giffey bedeuten, dass er möglicherweise zu Hause bleiben muss. Alle Drei mitzunehmen, gilt als eine eher abwegige Variante, da es zumindest nicht einfach wäre, einen von ihnen auf einer anderen Position zu spielen. Keiner passt in das klassische Anforderungsprofil eines Shooting Guards, und für einen Small-Ball-Vierer kann man angesichts des Überangebots an langen Leuten nur schwer Platz im Kader schaffen.

Die Innenspieler: Die Qual der Wahl

Danilo Barthel, Maxi Kleber, Daniel Theis, Maik Zirbes, Johannes Thiemann, Isaiah Hartenstein, Joe Voigtmann, Andi Seiferth, Tibor Pleiß, Moritz Wagner, Elias Harris: mehr als die Hälfte der Genannten kann nicht mit dabei sein. Mit Barthel, Kleber und Theis stehen drei Power Forwards zur Verfügung, die im Fall der Fälle auch auf der Centerposition aushelfen können. Aufgrund ihrer herausragenden Qualitäten sind sie an beiden Ende des Feldes unverzichtbar. Bleibt noch Platz für zwei Center. Voigtmann, Zirbes und Pleiß haben die größten Namen, aber die Minuten sind ohnehin begrenzt, und mit Hartenstein und Wagner klopfen zwei große Talente an die Tür. Einem sollte der Platz als fünfter Big Man gehören, um wertvolle Erfahrungen für die Zukunft zu sammeln. Hartenstein reboundet überragend in der G-League (14,9 pro Spiel), während Wagner eher in die Kategorie Stretch-Fünfer passt. Auf jeden Fall sind beide vielseitig – genau wie mein Favorit Johannes Voigtmann, so dass sie für eine einheitliche Spielkonzeption stünden.

Wie würde ich mich entscheiden?

Butter bei die Fische, wen würde ich mit nach China nehmen?

Dennis Schröder

Maodo Lo

Ismet Akpinar

Niels Giffey: Da Dennis Schröder den Ball dominieren wird und nicht ständig einen zweiten Kreativspieler an seiner Seite benötigt, nehme ich Giffey als Shooting Guard mit. Defensiv kann er das halbwegs solide hinbekommen, wie er gegen Bayreuth und Cassius Robertson bewiesen hat. Offensiv kann er aufposten, über turnouts kommen und spot-up-Würfe eintüten. Mit Paul Zipser als gutem 1-1-Spieler auf der 3 kann das funktionieren.

Paul Zipser

Robin Benzing

Danilo Barthel

Maxi Kleber

Daniel Theis

Joe Voigtmann

Isaiah Hartenstein

Richtig gezählt, das sind nur elf Spieler. Bezüglich des letzten Spots tendiere ich zu Isaac Bonga, wodurch die Mannschaft mit neun Spielern über zwei Meter aber vielleicht zu groß wäre. Also doch Joshiko Saibou oder Andi Obst? Ich würde alle drei zur Vorbereitung einladen und dann anhand meiner Eindrücke diese Entscheidung fällen.

Euer

06 Feb

Meine Starter für das ALLSTAR Game 2019

Meine Starter für das ALLSTAR Game 2019

Das ALLSTAR Game ist eine Spaßveranstaltung! Jedes Jahr bietet es den Spielern die Gelegenheit, in entspannter Atmosphäre Zeit mit den Kollegen aus der Liga zu verbringen. Es wird viel geflachst und gelacht. Auch wenn es ein weiterer „Arbeitstag“ im Terminkalender ist, so hatte ich immer das Gefühl, dass alle Beteiligten diese Momente sehr genießen. Drei Mal hatte ich die Ehre und das Vergnügen, eine Mannschaft bei diesem Spektakel coachen zu dürfen. Zuletzt war das 2011 der Fall, als sich die Allstars in Trier trafen, dort wo auch in diesem Jahr die Basketballgemeinde zusammenkommt. Ich weiß noch genau, dass mein damals dreijähriger Sohn mit auf der Bank saß und bei jedem Wechsel Spieler wie Rickey Paulding und Julius Jenkins stolz abklatschte. Allerdings sorgte er auch für meine größte Herausforderung in dieser Partie, als er mir im drittel Viertel mitteilte, dass er dringend auf die Toilette müsse.

Ich habe mir überlegt, wen ich für die Startformationen am 23.3. nominieren würde und bin zu folgenden Ergebnissen gekommen.

Team National

Maodo Lo hat in dieser Spielzeit sicher noch Luft nach oben. Aber der Neuzugang der Bayern ist dennoch die erste Wahl, wenn es darum geht, den Point Guard im Team National zu besetzen. Seine Beschleunigung und sein Speed sind elitär, sein Wurf von der Dreipunktelinie stabil. Zudem kann sich der Nationalspieler jederzeit im 1-1 unterschiedliche Optionen kreieren.

Bei den Shooting Guards hat Nihad Djedovic eindeutig die Nase vorn. Der 29Jährige spielt die wohl beste Saison seiner Karriere. Sein starker Drive mit den eleganten Abschlüssen war über Jahre hinweg sein Markenzeichen. Aber im Laufe der Zeit hat er seinem Spiel weitere Elemente hinzugefügt. Djedovic ist als Distanzschütze zuverlässiger geworden (über 50% Dreier in dieser Saison!)  und etabliert sich derzeit als Top-Verteidiger, der bei den Bayern grundsätzlich den stärksten Außenspieler des Kontrahenten übernimmt.

Bei den Small Forwards geht der Zuschlag an Niels Giffey. Der Kapitän der Albatrosse erfüllt seinen Job auf beiden Forward-Positionen ausgezeichnet. Der zweimalige College-Champion ist der einzige Deutsche bei den Hauptstädtern, der im Schnitt zweistellig punktet. Dass ihm dies gelingt, obwohl sein gefürchteter Dreier bislang nur unterdurchschnittlich fällt, belegt wie facettenreich sein Spiel mittlerweile geworden ist.

Wer sonst als Danilo Barthel könnte der Power Forward sein? Der Ex-Frankfurter ist an beiden Enden des Feldes ein Fels in der Brandung. Sowohl in der 1-1-Verteidigung als auch in der Team Defense leistet der 27Jährige Außergewöhnliches. Aufgrund seiner Kraft in den Beinen und im Oberkörper ist er von Vierern fast unmöglich aufzuposten, während er selbst extrem hochprozentig über beiden Schultern abschließt und zusätzlich noch mit Gesicht zum Korb attackieren kann.

20,2 Punkte, 10,9 Rebounds, 5,4 Assists und 1,1Blocks. Wie bitte, diese Werte legt ein deutscher Spieler auf? John Bryant, der mittlerweile eingebürgerte Center der Gießen 46ers, ist der Dominator auf der Centerposition. Wer MVP werden möchte, muss Big John hinter sich lassen. Der Koloss steht bei jedem Rebound richtig und bestraft das Doppeln, indem er seine Mitspieler immer wieder findet. Was soll nur werden, wann auch sein Dreier wieder wie in Ulmer Tagen fallen sollte?

Team International

Oldenburg stellt nach Berlin die zweitbeste Offense der Liga. Der Tempomacher bei den Niedersachsen heißt Will Cummings, der auch persönlich die zweitmeisten Punkte der Liga markiert. Nachdem er zuletzt bei Darüssafaka Istanbul mit eher angezogener Handbremse unterwegs war, zeigt der Spielmacher unter Mladen Drijencic, was er in einer größeren Rolle leisten kann. Mit 26 Jahren ist für den schnellen und eleganten Amerikaner das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht.

Der letzte Satz gilt vollumfänglich auch für den ein Jahr jüngeren Javonte Green. Der Ulmer ist meine Wahl für die Position des Shooting Guards. Der beste Athlet der Liga kann problemlos beide Flügelpositionen bekleiden. Seine Explosivität und Antizipation machen ihn zu einem erfolgreichen Wilderer in den Passwegen. Dazu kommt, dass der spektakuläre Amerikaner mit montenegrinischem Pass den Dreier mit mehr als 40% trifft. Green könnte in Ulm eine ähnlich große europäische Karriere starten wie Will Clyburn.

Auf der Position des Small Forwards nominiere ich Derrick Williams. Da er und Luke Sikma in der Rolle des Power Forwards brillieren, aber beide unbedingt ins Team gehören, ist der Ex-NBA-Spieler auf der Drei dabei. Das Skillset dafür ist ohnehin vorhanden. Mindestens genauso gut gefällt mir aber sein Mindset. Mit seiner Energie und seiner Bereitschaft, trotz seines Werdegangs eine Rolle von der Bank zu akzeptieren, hat sich der 27Jährige viele Sympathien erworben. Im 1-1 ist Williams auf NBA-Niveau.

Der MVP der vergangenen Runde ist wie bereits erwähnt natürlich auch gesetzt. Luke Sikma ist der freundliche Patenonkel im Berliner Kindergarten. Der Amerikaner liest das Spiel absolut überragend und inspiriert mit seinem uneigennützigen Teamansatz seine Mitstreiter. Er ist das zentrale Teil in Coach Aítos Puzzle. Der 29Jährige ist an Vielseitigkeit kaum zu überbieten und bereitet damit sowohl Basketballpuristen alter Schule als auch jungen Nerds viel Freude.

Manchmal ist weniger mehr. Rasid Mahalbasic hat Gewicht verloren und sich als Scoring-Option etwas zurückgenommen, um dadurch am Ende an Einfluss zu gewinnen. Der Österreicher ist ein ganz wichtiger Faktor für die bislang so überzeugende Saison der Oldenburger. Starkes 1-1-Spiel im Low Post und ein für einen Big Man weit überdurchschnittliches Spielverständnis zeichnen ihn aus. Das bislang einzige Triple Double dieser Saison geht auf sein Konto.

Die Coaches

Die genannten Herren benötigen jeweils noch einen Übungsleiter, der das Taktikboard im Schrank lässt und sich auf die Wechsel beschränkt. Für das Team National hat sich Frank Menz diesen Spot verdient, der über drei Jahre hinweg in Braunschweig mit überschaubarem Budget konstant gute Arbeit abgeliefert hat und aktuell sogar im Playoff-Rennen mitläuft.

Pedro Calles, der die sensationelle Entwicklung beim Aufsteiger Vechta steuert, ist mein Coach für das Team International. Im letzten Blog habe ich den smarten Senkrechtstarter ausführlich vorgestellt.

Euer

23 Jan

Pedro Calles – Ein Spanier sorgt für Sommer in Vechta

Pedro Calles – Ein Spanier sorgt für Sommer in Vechta

Als ich mich Anfang November erstmals mit der tollen Entwicklung von RASTA Vechta näher befasste, unterhielt ich mich auch mit T.J. Bray. Ich erinnere mich noch genau an die ersten Worte, die mir der effizienteste Spieler der Bob-Marley-Jünger als Erklärung für die Auftritte seines Teams präsentierte: „Hier beginnt alles mit Pedro. Es ist leicht, für ihn zu spielen, weil er so stringent in seinen Anforderungen ist.“ Mittlerweile rockt der „geilste Club der Welt“ die Basketball-Bundesliga, und es ist allerhöchste Zeit, den Werdegang und die Philosophie von Head Coach Pedro Calles zu beleuchten.

Ich kenne Pedro seit 2012. Zu dieser Zeit war ich Coach bei den Artland Dragons und auf der Suche nach einem neuen Athletiktrainer, weil sich Stefan Bramlage mit einem Fitnessstudio selbstständig gemacht hatte. Unser Geschäftsführer Alex Meilwes schlug einen Spanier vor, den er während eines Auslandssemesters in Finnland kennengelernt hat. Nach einem Gespräch mit diesem jungen Mann war ich sicher, dass er uns Trainerteam fachlich und menschlich bereichern würde – und so kam Pedro Calles 2012 nach Deutschland. Nach meinem Abschied 2013 fungierte der diplomierte Sportwissenschaftler und Inhaber einer spanischen A-Trainer-Lizenz unter Tyron McCoy als Assistant Coach. Als sich die Dragons 2015 aus der Beletage verabschiedeten, heuerte er im nur knapp 30 Kilometer entfernten Vechta als Co-Trainer an. Bereits 2013 war ihm seine Frau, eine Tierärztin, nach Deutschland gefolgt. Seit September sind sie stolze Eltern eines Sohnes.

Im Sommer 2018 übernahm Pedro Calles beim Aufsteiger RASTA Vechta die Verantwortung. Seine Maxime vor der Saison hieß „Charakter ist wichtiger als Talent“, und seine Spielidee ist der Aítos sehr ähnlich, dessen Einfluss auf seine Philosophie er auch hervorhebt. Für Pedro sind Grundlagen und Prinzipien wichtiger als taktische Systeme und das Scouten des Kontrahenten. Im Training verbringt der 35Jährige viel Zeit damit, das Entscheidungsverhalten seiner Spieler zu optimieren, wobei er der Verteidigung eine größere Rolle als dem Angriff zuweist: „Mit der Verteidigung kann man das Spiel stärker beeinflussen“, ist er überzeugt. Dazu greift er gerne auf seine Run-and-Jump-Verteidigung zurück, die in der Liga viel Schrecken verbreitet: Einer seiner Akteure verlässt seinen Gegenspieler, um den Ballbesitzer überraschend zu doppeln. Die anderen Verteidiger rotieren dann nach, um die Passwege zu schließen. Wichtig ist, dass die Spieler selbst entscheiden, wann sie eine Run-and-Jump-Aktion starten wollen.

Das offensive Markenzeichen neben dem durch die Ballgewinne etablierten Fast Break heißt drive, kick und Extrapass – am liebsten zum Dreipunktewurf. Vechta nimmt die meisten langen Würfe der Liga. Als Gründe dafür nennt Pedro Calles sein Personal und die Erkenntnisse aus den Advanced Stats.

Sein Team zeichnet sich durch großen Zusammenhalt aus, das spürt jeder, der sich ein Spiel des Aufsteigers anschaut. Genauso deutlich ist auch erkennbar, dass Vechta über viel Selbstvertrauen, und damit verbunden den Glauben in jedem Spiel wettbewerbsfähig zu sein, verfügt. Das ist auch deshalb beachtlich, weil die Mannschaft die ersten drei Partien verloren hatte.

„Hier beginnt alles mit Pedro!“: Es war ein genialer Schachzug von Sponsor und Geschäftsführer Stefan Niemeyer, den 35Jährigen zum Head Coach zu machen. Pedro ist nicht nur ein großartiger Trainer und heißer Kandidat für die Auszeichnung „Coach of the Year“, sondern auch ein absoluter Sympathieträger in der niedersächsischen Kleinstadt. Der Klassenerhalt ist schon so gut wie in trockenen Tüchern. Sollte Calles den bislang eingeschlagenen Weg 2019/20 fortsetzen, wird er nicht mehr zu halten sein. Neben dem Interesse gut betuchter BBL-Clubs könnte es auch Vereine aus der spanischen ACB geben, die den smarten Senkrechtstarter verpflichten wollen.

 

08 Jan

Neuer Name, neuer Modus: Der Pokal ist attraktiver geworden

Neuer Name, neuer Modus: Der Pokal ist attraktiver geworden

Seit 1967 wird im deutschen Basketball der Pokal ausgespielt, und nur absolute Obernerds wissen – ohne nachzuschlagen – dass der VfL Osnabrück der erste Titelträger war. Seit heute firmiert der Wettbewerb unter dem Namen MagentaSport BBL Pokal. Die Modi, nach denen er ausgetragen wurde, änderten sich mehrmals.  Bis 1992 wurde der Pokal im klassischen K.o.-Modus ausgespielt, teilweise im Finale mit Hin- und Rückspiel. Von 1992/1993 bis 2017/2018 fand die Pokalendrunde als Top Four mit Halbfinale und Finale statt, wobei ab der Saison 2009/2010 der Gastgeber automatisch teilnahmeberechtigt war und die drei anderen Teilnehmer nach der BBL-Hinrunde auf Grundlage einer eigenen Pokaltabelle (ohne den Ausrichter) in Qualifikationsspielen ermittelt wurden. Seit dieser Spielzeit gilt wieder der K.o.-Modus, wobei die 16 Erstligisten der Vorsaison teilnahmeberechtigt sind und nach jeder Runde neu ausgelost wird. Das Finale ist auf den 17. Februar 2019 terminiert.

Die Schwächen des alten Modus

Zugegeben, das Top Four hatte schon einen gewissen Happening-Charakter. Die Basketballgemeinde traf sich, Fanfreundschaften wurden geschlossen, und es wurde einfach gemeinsam gefeiert. Dieser gesellschaftliche Aspekt hatte beinahe schon Teambuildingcharakter und fällt jetzt leider weg. Aber die Schwächen des alten Modus waren offensichtlich und wurden in den letzten Jahren auch immer wieder thematisiert. War es angemessen, dass sich ein Team Pokalsieger in den Briefkopf drucken lassen darf, das möglicherweise nicht mehr als zwei Heimspiele dafür gewinnen musste? War es fair, dass nur eine begrenzte Zahl an Vereinen aufgrund der Hallensituation vor Ort überhaupt die Chance hatte, das Privileg der qualifikationslosen Ausrichtung genießen zu können? Ich beantworte beiden Fragen mit einem klaren Nein!

2011 stand ich mit den Artland Dragons im Top Four in Bamberg, und wir unterlagen den Gastgebern im Halbfinale nach Verlängerung. Hinterher hatten alle unsere Spieler und wir Coaches das Gefühl, dass wir in jeder anderen Halle das Spiel und dann am nächsten Tag auch den Pokal gewonnen hätten. Das mag eine komplett subjektiv gefärbte Fehleinschätzung sein, aber ich bin sicher, dass viele Mannschaften, die gegen die Heimteams verloren, ähnliche Gedanken hatten.

Die Stärken des neuen Modus

Zunächst einmal bedeutet die neue Praxis schlicht und einfach mehr Pokalcharakter und Pokalfeeling. Jede Runde wird neu ausgelost, und das impliziert, dass vielleicht schon im Achtel- oder Viertelfinale zwei der Topfavoriten aufeinandertreffen können. Im Umkehrschluss gibt dies einem vermeintlichen Außenseiter die Chance, weit im Wettbewerb zu kommen – möglicherweise bis ins Finale. Wenn es dann die Losfee noch einmal gut meint und dem Underdog den Heimvorteil beschert, stehen die Türen für eine Überraschung zumindest offen. Achtel- und Viertelfinale sind bereits gespielt und noch dürfen sich Frankfurt, Berlin, Bamberg und Bonn Hoffnungen auf den Titel machen.

Gibt es doch ein Haar in der Suppe?

Wer unbedingt will, kann auch beim neuen Modus Haare in der Suppe finden. Für mich gilt dies aber nicht. Wenn ich höre, dass es unfair sei, dass die Absteiger bzw. die Aufsteiger nicht dabei seien, dann kontere ich, dass der Wettbewerb unter diesen Vorgaben mathematisch mit 18 Teams nicht funktionieren kann. Mit der manchmal geforderten Hinzunahme der Zweitligisten kann ich noch weniger anfangen. Wie soll das darstellbar sein angesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Erstligisten auch international spielt? Zudem müsste zumindest für die Duelle BBL – Pro A eine Pokalausländerregel gefunden werden. Zwar standen mit Bayreuth (1993), Landshut (1995) und Rhöndorf (2000) drei Zweitligisten im Halbfinale eines Top Fours, aber ganz ehrlich, die riesengroßen Pokalsensationen wie im Fußball, bei denen unterklassige Teams die Erstligisten aus dem Wettbewerb kegeln, gab es im Basketball in dieser Form nie. Betrachtet man alle Rahmenbedingungen, die berücksichtigt werden müssen, dann ist der neue Modus in meinen Augen eine glatte Eins mit Sternchen!

Euer

23 Dez

„Big John“ für die Nationalmannschaft?

„Big John“ für die Nationalmannschaft?

John Bryant ist der mit Abstand effektivste Akteur der Liga und ein legitimer Kandidat für den Titel des wertvollsten Spielers. Sollte es so kommen, wäre es der dritte MVP-Award für Big John, der seit der vergangenen Woche auch einen deutschen Pass in seinen Händen hält. Eine Tatsache, die den mittlerweile 31Jährigen zu einem Kandidaten für die Nationalmannschaft macht. Bryant selbst hat sein grundsätzliches Interesse bekundet, aber auch gleichzeitig in weiser und dezenter Zurückhaltung auf das große Angebot an langen Spielern verwiesen. In der Basketball-Community ist die Diskussion über einen Einsatz des Gießeners in der DBB-Auswahl aber längst entbrannt, zumal im Sommer mit der WM in China ein echter Höhepunkt auf dem Programm steht.

Bislang wurden vor allem Argumente gegen einen Einsatz Bryants vorgebracht. Einige davon möchte ich hier unter die Lupe nehmen.

Bryants Spielweise passt nicht?

Bryant passe nicht zur Spielweise der deutschen Nationalmannschaft, bringen die Skeptiker vor, ohne dies detailliert zu belegen. Selbst wenn sie Recht hätten, wäre dies aber meiner Meinung kein wirklich stichhaltiges Argument. Hieß es nicht auch, dass der Koloss in Ingo Freyers Hochgeschwindigkeitsbasketball verloren sei? Der Center hat bewiesen, dass er sich anpassen kann, womit nachvollziehbar sein dürfte, dass für ihn im System der Nationalmannschaft nur kleinere Veränderungen nötig wären.

Stimmung nicht gefährden?

Beim aktuellen Nationalteam sei die Stimmung super, das sagen Außenstehende genauso wie Insider. Und genau diese Atmosphäre könnte durch neue Elemente von außen gefährdet werden, befürchten Diejenigen, die glauben, dass die Stimmung in erster Linie so gut sei, weil sich alle schon lange kennen – Schröder, Theis, Voigtmann und Kleber haben beispielsweise bereits in der Junioren-Nationalmannschaft zusammengespielt. Das verbinde und bringe eine Chemie, mit der eine Mannschaft ganz Besonderes erreichen könne.

Zugegeben, wie weit ein Team durch solch langjährige Verbundenheit kommen kann, zeigen beispielsweise die großen Erfolge der „Goldenen Generation“ der Argentinier, aber: John Bryant ist einfach ein viel zu feiner  Kerl, um in diesem Bereich Probleme zu bereiten. Zudem gilt, dass die Nationalmannschaft kein geschlossener Kreis ist und sich auch nie als ein solcher verstanden hat. Fazit: Auch diesem Argument fehlt die Durchschlagskraft.

Eingebürgerte Spieler gehören nicht ins DBB-Trikot?

Es gibt Diskutanten, die behaupten, dass es generell falsch sei, Profis, die eingebürgert wurden, in die Nationalmannschaft zu berufen. Ich mahne in solchen Fragen grundsätzlich zu vorsichtigen und überdachten Aussagen unter Vermeidung des moralischen Zeigefingers.

Nach dem EM-Gewinn der Slowenen habe ich oft gehört, dass es „unmöglich“ gewesen sei, Anthony Randolph von Real Madrid mit einem Pass auszustatten. Ja, Anthony Randolph hatte zuvor keinerlei Verbindung zu diesem Land. Diese Verbindung hatten die beiden für den Nationalmannschaftseinsatz eingebürgerten deutschen NBA-Profis aber auch nur bedingt:

Shawn Bradley, geboren im pfälzischen Landstuhl bei Kaiserslautern (Fun fact: Anthony Randolph erblickte in Würzburg das Licht der Welt), war Teamkollege von Dirk Nowitzki bei den Dallas Mavericks und absolvierte neun Länderspiele rund um die Europameisterschaften 2001, bei der Deutschland den vierten Platz belegte. Für den 2,29 Meter großen Center musste Vladimir Bogojevic aussetzen, der bis dahin Pointguard des DBB-Teams gewesen war und seit längerem den Kaderplatz des einzigen erlaubten „naturalisierten Spielers“ inne gehabt hatte. Der kurzfristige Tausch wurde damals zum Teil sehr kritisch gesehen.

Chris Kaman bekam aufgrund seiner deutschen Urgroßeltern väterlicherseits einen deutschen Pass, lief bei den Olympischen Spielen 2008 (und bei der Quali zuvor) und der EM 2011 in 15 DBB-Länderspielen auf. Zusammen mit Dirk Nowitzki bildete er das doppelköpfige Zonenmonster, was gut funktionierte und wodurch sich Nowitzki ebenso wie Kaman den Traum von den Olympischen Spielen erfüllen konnte. Nach 2011 trat Kaman nicht mehr als Nationalspieler in Erscheinung.

Zu gut besetzt auf den großen Positionen?

Die Nationalmannschaft sei auf den großen Positionen langfristig so gut besetzt, dass da keinen Platz für den 31-jährigen Bryant gäbe. Dieses – und nur dieses – Argument zählt für mich.

Schauen wir auf die Liste:

Daniel Theis (1992), Maxi Kleber (1992), Danilo Barthel (1991), Joe Voigtmann (1992), Maik Zirbes (1990), Johannes Thiemann (1994), Tibor Pleiß (1989), Andreas Seiferth (1989), Isaiah Hartenstein (1998), Moritz Wagner (1997).

Von diesen zehn Spielern können fünf mit zur WM kommen, vielleicht sogar nur vier, da es mit Niels Giffey und Robin Benzing noch zwei Small Forwards gibt, die auch auf der Vier eingesetzt werden können.

Theis und Kleber sollten gesetzt sein, Voigtmann und Barthel sind höchstwahrscheinlich ebenfalls dabei. Und wenn es um die hinteren Plätze in der Rotation geht, würde ich perspektivisch lieber einen der jungen Spieler wie Hartenstein oder Wagner mitnehmen.

Auf den großen Positionen herrscht ein Überangebot an guten Spielern. Deshalb ergibt die Hinzunahme von John Bryant nicht wirklich Sinn. Shooting Guard hingegen ist der derzeit schwächste Spot in der DBB-Auswahl. Gibt es dort nach dem klaren Nein von Nihad Djedovic einen eingebürgerten Akteur, der helfen könnte? Vielleicht Bryce Taylor, wenn es ihm gelingt, nach seiner Verletzung an die Form früherer Tage anzuknüpfen….

Ich wünsche Euch entspannte Feiertage und viel Glück und Gesundheit für 2019!

Euer