17 Okt

Gefühle und Gedanken zum Saisonstart mit Corona

Gefühle und Gedanken zum Saisonstart mit Corona

Ja, es fühlt sich komisch an. Würde ich etwas Anderes behaupten, es entspräche nicht der Wahrheit. Dabei kann ich noch nicht einmal abschätzen, wie es sein wird, wenn ich am Sonntag in Bonn mit der Partie Braunschweig gegen Berlin bei MagentaSport wieder in meine Kommentatorenrolle schlüpfen werde. Seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten ist die Basketball-Bundesliga ein Teil meines Lebens, als Trainer, als Experte und als Kommentator. In dieser Zeit gab es die eine oder andere ungewöhnliche Situation, aber nichts, was mit dem, was wir jetzt mit dem Corona-Virus erleben, auch nur annährend gleichzusetzen wäre.

Ende letzter Woche erhielt ich per Mail zwei Hygiene-Konzepte für die anstehenden Übertragungen. Insgesamt 36 Seiten musste ich durcharbeiten und danach bestätigen, dass ich sie gelesen hatte. Es gibt angenehmere Beschäftigungen, aber ich bin mir der Notwendigkeit bewusst und stehe voll und ganz hinter dem Grundsatz, die Risiken soweit wie möglich zu reduzieren. Solange wir nicht belastbarere Erkenntnisse über den Virus gewonnen haben, ergibt für mich die Diskussion über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen nur bedingt Sinn.

Safety First – auch wenn es mit Fans mehr Spaß macht

Aus meiner Sicht gilt es, alle Beteiligten zu schützen. Das fängt bei den Spielern an. Ulm fuhr zum Eurocup-Spiel nach Brescia mit dem Bus, um mit möglichst viel Abstand zur Außenwelt in die Lombardei zu reisen. Die Bayern nahmen viel Geld in die Hand und charterten für diese Woche ein Flugzeug, das den Tross sicher von Deutschland nach Israel und über die Türkei zurückbringen soll.

Ebenso wichtig ist es, dass bezüglich der Zulassung und der Zahl der Zuschauer verantwortlich entschieden wird, um das Infektionsgeschehen nicht zu befeuern. Ich weiß, dass dies ein besonders sensibles Thema ist. Ich habe die Spiele beim BBL-Finalturnier in München und die NBA-Partien in Orlando mit großem Interesse verfolgt. Die Geräuschkulisse und die durch die Fans generierten Emotionen fehlten mir extrem. Es wäre zu hart, von einem Totentanz zu sprechen. Aber die Spiele der Euroleague, bei denen eine begrenzte Zuschauerzahl zugelassen war, boten zumindest ansatzweise eine Atmosphäre, die mich dazu bewegte, mit höherer emotionaler Beteiligung zuzuschauen. Diese Partien kommen einfach lebendiger rüber und sind auch für uns Kommentatoren leichter zu begleiten. Entsprechend schade finde ich es, dass ich am Wochenende in Bonn voraussichtlich ohne Fans in der Halle arbeiten muss. Aber noch einmal: Ich kann diese Entscheidung absolut nachvollziehen.

Pandemie, soziales Miteinander und soziale Gerechtigkeit

Die Corona-Pandemie bringt offensichtlich viele Menschen an ihre Grenzen. Das ist teilweise verständlich, darf aber nicht dazu führen, dass wir im Umgang miteinander unverrückbare humanistische Werte missachten. Wir Basketballer haben uns diesbezüglich bislang wirklich gut verhalten, aber es macht mich fassungslos, wenn ich lesen muss, dass Danny Green von den Lakers nach seinem vergebenen Wurf am Ende des fünften Finales Todesdrohungen erhielt. Genauso schockiert bin ich, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten die NBA als eine politische Liga bezeichnet, weil ihre Spieler vehement darauf hinweisen, dass schwarze Leben zählen. Wären diese unglaublichen Dinge auch ohne Corona vorgefallen? Ja, sehr wahrscheinlich. Aber die Pandemie kann als Beschleuniger wirken. Deshalb sollten wir als Basketballfamilie weltweit noch enger zusammenstehen. Es ist toll, wenn Ligen und Vereine sich gegen Rassismus und Intoleranz einsetzen. Aber ehrlich gesagt gefällt es mir nicht, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, mit eigenem Slogan und eigenem Hashtag. Vielleicht hat das Marketinggründe, die ich nicht verstehe. In diesem Fall aber wären sie völlig unangebracht. Mit Black Lives Matter gibt es eine Basis, an die wir alle andocken können und sollten.

Wie wird es werden?

Zum Abschluss möchte ich euch noch einen Ausblick geben. Ich befürchte leider, dass wir eine sehr holprige Saisonabwicklung erleben werden. München und Orlando haben bewiesen, dass Basketball in der Bubble funktionieren kann. Aber ist das auch in einem normalen Ligabetrieb mit Heim- und Auswärtsspielen möglich? Diesbezüglich habe ich meine Zweifel und die jetzt schon offensichtlichen Probleme in der Euroleague und im Eurocup mit gehäuften COVID-19-Fällen, die in dieser Woche zu den ersten Spielabsagen führten, untermauern diese. Zwischenzeitliche Saisonabbrüche oder gar ein vorzeitiges Saisonende – das sind leider Möglichkeiten, die wir realistisch in Betracht ziehen müssen. Ich hoffe, ich werde eines Besseren belehrt.

Euer