25 Nov

Bruderduell im Schatten des Vaters

Bruderduell im Schatten des Vaters

Wenn John Stockton nach Deutschland kommt, hält er sich dezent im Hintergrund. Die regelmäßigen Anfragen nach einem Fernsehinterview weist er freundlich zurück, und wer den 56Jährigen als Zuschauer in deutschen Basketballhallen beobachtet, kann beim mit 15806 Assists erfolgreichsten Passgeber der NBA-Geschichte keine besondere emotionale Teilnahme registrieren – und das obwohl er die Spiele seiner Söhne Michael und David verfolgt, die mittlerweile beide in der Bundesliga spielen. Dieses introvertierte Auftreten ist wesentlicher Bestandteil des Charakters von Stockton Senior, aber auch eine Form von Respektsbekundung seinen Jungs gegenüber, denen er nicht die mediale Aufmerksamkeit stehlen will.
Am 24. November war er, wie nicht anders zu erwarten war, erst gar nicht nach Göttingen gekommen, wo sich seine Söhne im Rahmen der Begegnung BG Göttingen – medi bayreuth erstmals in einem Pflichtspiel miteinander messen sollten. Doch das mit Spannung erwartete Bruderduell fiel ins Wasser, weil Michael aufgrund einer Verletzung kurzfristig passen musste. Der 29Jährige, der wie sein Vater und sein Bruder David auf der Position des Spielmachers zu Hause ist, zog sich am vorhergehenden Wochenende bei der Auswärtspartie in Ludwigsburg eine schwere Hüftprellung mit Kapselzerrung zu und hatte bis zuletzt gehofft, dabei sein zu können. Für die Entscheidung seiner Eltern, nicht anzureisen, hatte der Linkshänder vollstes Verständnis: „So ersparen sie es sich, einen Verlierer trösten zu müssen.“ Der Göttinger Kapitän bestreitet bereits seine sechste Spielzeit in Deutschland, während der zwei Jahre jüngere David seine Premierensaison in der Bundesliga spielt.
Anfang November stand der nur 1,80 Meter große Neuzugang in Bayreuth noch kurz vor dem Rauswurf, nachdem ihn Head Coach Raoul Korner massiv angezählt hatte. Nach der Heimniederlage gegen Ulm wetterte der Trainer heftig gegen sein Team und vor allem gegen seinen amerikanischen Spielmacher: „Es kann nicht sein, dass Basti Doreth das Spiel alleine richten muss. Das reicht für unsere Ansprüche nicht aus. Ich glaube, dass wir ein Problem beim Ballhandling haben. Wir sind im Moment nicht in der Lage, bei starkem Druck zu agieren. Mit diesem Personal sind wir nicht fähig zu gewinnen.“ Unmittelbar darauf ließ das Management offiziell verlauten, dass man den Spielermarkt sondiere. Damit schien David Stocktons Schicksal besiegelt. Doch dann entdeckte der Mann mit kurzer NBA-Erfahrung bei den Sacramento Kings und beim Utah Jazz nach uninspirierten Auftritten zu Saisonbeginn sein Kämpferherz. In der Partie nach der öffentlichen Schelte legte er 20 Zähler auf und spielt seitdem konstant gut. Unter anderem erzielte er gegen Bremerhaven 24 Punkte ohne Fehlversuch und traf dabei alle sechs Würfe von der Dreipunktelinie. Die Frage, ob denn weiterhin personelle Veränderungen geplant seien, beantwortet Korner mittlerweile lapidar mit: „Never change a winning team.“
Seit David Stockton angezogen hat, sind die Bayreuther in sechs Pflichtspielen ungeschlagen und haben den durchwachsenen Saisonstart vergessen gemacht. Raoul Korner hat es nicht nur im Falle seines Pointguards verstanden, sein spielendes Personal auf Kurs zu bringen. So ging Kassius Robertson zu Rundenbeginn durch ein ganz tiefes Tal, das er mittlerweile durchschritten hat. Letztendlich waren Hassan Martin und Gregor Hrovat die einzigen Neuzugänge, die von Anfang an zu überzeugen wussten. Die Auftritte der Mannschaft glichen einer Achterbahnfahrt, das Potenzial blitzte auf, aber sobald der Kontrahent aggressiv wurde, ließen die Bayreuther die nötige körperliche Härte vermissen. Mittlerweile sind die Oberfranken auf gutem Kurs, zum dritten Mal in Folge die Playoffs zu erreichen. Die Art und Weise, wie Korner die Minikrise gelöst hat, unterstreicht einmal mehr, dass der 44jährige Österreicher zu den besten Coaches der Liga zählt.
Und so gewannen die Bayreuther auch bei der BG Göttingen, die nach blendendem Start nun vier Begegnungen in Folge verloren hat. Vielleicht hat ja Michael Stockton nach der Partie einen tröstenden Anruf vom Vater erhalten. Auf jeden Fall würden sich alle Basketball-Fans freuen, wenn in der Rückrunde in Bayreuth beide Stocktons fit wären.

Euer

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