Das Erfolgsrezept der Telekom Baskets Bonn

Rollstuhlbasketballerin beim Dribbling

Das Erfolgsrezept der Telekom Baskets Bonn
Die Telekom Baskets Bonn haben bislang eine extrem gute Saison gespielt. Playoffs? Auf jeden Fall! Halbfinale oder mehr? Eher nein! Das war bislang meine Einschätzung zu den Rheinländern, die ich aber nach den überragenden Vorstellungen seit der Nationalmannschaftspause revidieren muss und möchte. Asche auf mein Haupt: Die Bonner haben die Qualität und die Motivation, auch in der Postseason für Furore zu sorgen. Es ist längst überfällig, dass der Tabellenführer für seinen bisherigen Erfolg hier eine Würdigung erfährt.
Der Coach
Tuomas Iisalo ist ein Mastermind, das nicht nur seinen Sport im Blick hat. Ich war überrascht, als ich im Sommer hörte, dass er nach Bonn wechseln würde. Ich hätte mir ein Eurocup-Team im Ausland gut als nächsten Karriereschritt vorstellen können. Für mich ist der Finne einer der interessantesten Coaches in Europa. Für ihn steht Handlungsgeschwindigkeit im Vordergrund, eine schnelle Entscheidung ist ihm wichtiger als eine richtige. „Gewohnheiten beschleunigen, Taktiken verlangsamen“, lautet eine der bemerkenswerten Aussagen des 39Jährigen. Seine Trainings, in denen er nur spielnah arbeitet, gelten als echte Herausforderung für seine Spieler, vor allem auch im mentalen Bereich. Mit seinem Ansatz, dass Anstrengung wichtiger als Wiederholung ist, hat er den Erfolg zurück an den Hardtberg gebracht und den Spirit spürbar verändert. Die Ziele werden wieder ambitionierter verfolgt.
Der Stil
Tempo, Dreier und offensives Rebounding – das sind drei Pfeiler des Bonner Spiels. Bonn pusht den Ball bei jeder Gelegenheit und kommt so auch im Umschaltspiel zu vielen Dreiern. Kein Team in der Liga setzt so stark auf den langen Wurf wie die Iisalo-Schützlinge. Darüber hinaus gehen sie mit einer Kompromisslosigkeit ihren Würfen nach, die ihresgleichen sucht. Mit einer Quote von 37,6 Prozent sind die Bonner beim Offensiv-Rebound die beste Mannschaft der Liga vor Alba Berlin. In Summe führt diese Spielphilosophie zu den meisten Punkten (88,4 pro Partie) und dem besten Offensiv-Rating (117,5 Zähler pro 100 Ballbesitze) vor Crailsheim, Berlin und München.
Der Star
Parker Jackson-Cartwright gehört zu den aufregendsten Spielern der easyCredit BBL. Der beste Vorlagengeber der Liga (7,3 Assists) erzielt die drittmeisten Punkte (19,0) und klaut auch die drittmeisten Bälle (2,1 Steals). Das Konzept von Tuomas Iisalo mit vielen Schützen und Freiräumen oder Pick and Roll in der Mitte passt perfekt zu einem antrittsstarken Spielmacher wie PJC. Nach einem guten Jahr in der zweiten französischen Liga hat sich der 26Jährige noch einmal deutlich gesteigert und zählt zum Kreis der MVP-Kandidaten. Zwar ist er defensiv angreifbar und seine Dreierquote von 28 Prozent bei 5,5 Versuchen pro Partie ausbaufähig, aber Jackson-Cartwright hat trotz offiziell 1,80 Meter (wahrscheinlich ist er kleiner) keine Manschetten, in die Zone zu penetrieren und seinem Team darüber entscheidende Vorteile zu verschaffen.
Der Supporting Cast
Skyler Bowlin ist nicht nur Schütze, sondern auch zweiter Ballhandler und Kreativspieler nach PJC, hat aber auch defensive Schwächen, die man Routinier Karsten Tadda nicht nachsagen kann. Der Kapitän zeigt sich als perfekter Rollenspieler, der sich offensiv stark zurückhält. Kein Spieler mit mehr als 24 Minuten Spielzeit erzielt im Schnitt weniger Zähler (6,2) als der 33Jährige. Jeremy Morgan übernimmt die Rolle des Allrounders mit großem Augenmerk auf den Dreipunktewurf. Bei hohem Volumen (8,2 Versuche sind die zweitmeisten in der Liga) sind 31 Prozent aber nicht wirklich prickelnd. Der aktuell verletzte Tyson Ward und Javontae Hawkins fungieren als Combo Forwards. Auch aufgrund Hawkins‘ Steigerung nach seiner schweren Knieverletzung in der Vorsaison korrigiere ich meine Prognose für Bonn nach oben. Seine Variabilität im Scoring gibt den Baskets eine zusätzliche Dimension. Mit Leon Kratzer und Michael Kessens verfügen die Bonner über zwei klassische Center, von denen Letztgenannter die beste Saison seiner Karriere spielt. Der Litauer Saulius Kulvietis hat sich in den letzten Wochen zu einem echten Leistungsträger gemausert, und Justin Gorham war für mich über einen langen Zeitraum der „Unsung Hero“ der Bonner. Kurz und knapp: Die Rollenverteilung stimmt, und das Team hat Charakter.
Kommt ein neuer Namenssponsor?
Zuletzt haben die Telekom Baskets Bonn mit Platz 13 erstmals zwei Mal in Folge die Playoffs verpasst. Entsprechend groß ist jetzt die Euphorie. Die Mannschaft spielt nicht nur erfolgreichen, sondern auch begeisternden Basketball und unternimmt gerade den nächsten Entwicklungsschritt. Das kommt zu einem guten Zeitpunkt, denn es sind hilfreiche Argumente, um nach dem angekündigten Ausstieg der Telekom einen neuen Namenssponsor für die nächste Saison zu gewinnen.
Euer