23 Dez

„Big John“ für die Nationalmannschaft?

„Big John“ für die Nationalmannschaft?

John Bryant ist der mit Abstand effektivste Akteur der Liga und ein legitimer Kandidat für den Titel des wertvollsten Spielers. Sollte es so kommen, wäre es der dritte MVP-Award für Big John, der seit der vergangenen Woche auch einen deutschen Pass in seinen Händen hält. Eine Tatsache, die den mittlerweile 31Jährigen zu einem Kandidaten für die Nationalmannschaft macht. Bryant selbst hat sein grundsätzliches Interesse bekundet, aber auch gleichzeitig in weiser und dezenter Zurückhaltung auf das große Angebot an langen Spielern verwiesen. In der Basketball-Community ist die Diskussion über einen Einsatz des Gießeners in der DBB-Auswahl aber längst entbrannt, zumal im Sommer mit der WM in China ein echter Höhepunkt auf dem Programm steht.

Bislang wurden vor allem Argumente gegen einen Einsatz Bryants vorgebracht. Einige davon möchte ich hier unter die Lupe nehmen.

Bryants Spielweise passt nicht?

Bryant passe nicht zur Spielweise der deutschen Nationalmannschaft, bringen die Skeptiker vor, ohne dies detailliert zu belegen. Selbst wenn sie Recht hätten, wäre dies aber meiner Meinung kein wirklich stichhaltiges Argument. Hieß es nicht auch, dass der Koloss in Ingo Freyers Hochgeschwindigkeitsbasketball verloren sei? Der Center hat bewiesen, dass er sich anpassen kann, womit nachvollziehbar sein dürfte, dass für ihn im System der Nationalmannschaft nur kleinere Veränderungen nötig wären.

Stimmung nicht gefährden?

Beim aktuellen Nationalteam sei die Stimmung super, das sagen Außenstehende genauso wie Insider. Und genau diese Atmosphäre könnte durch neue Elemente von außen gefährdet werden, befürchten Diejenigen, die glauben, dass die Stimmung in erster Linie so gut sei, weil sich alle schon lange kennen – Schröder, Theis, Voigtmann und Kleber haben beispielsweise bereits in der Junioren-Nationalmannschaft zusammengespielt. Das verbinde und bringe eine Chemie, mit der eine Mannschaft ganz Besonderes erreichen könne.

Zugegeben, wie weit ein Team durch solch langjährige Verbundenheit kommen kann, zeigen beispielsweise die großen Erfolge der „Goldenen Generation“ der Argentinier, aber: John Bryant ist einfach ein viel zu feiner  Kerl, um in diesem Bereich Probleme zu bereiten. Zudem gilt, dass die Nationalmannschaft kein geschlossener Kreis ist und sich auch nie als ein solcher verstanden hat. Fazit: Auch diesem Argument fehlt die Durchschlagskraft.

Eingebürgerte Spieler gehören nicht ins DBB-Trikot?

Es gibt Diskutanten, die behaupten, dass es generell falsch sei, Profis, die eingebürgert wurden, in die Nationalmannschaft zu berufen. Ich mahne in solchen Fragen grundsätzlich zu vorsichtigen und überdachten Aussagen unter Vermeidung des moralischen Zeigefingers.

Nach dem EM-Gewinn der Slowenen habe ich oft gehört, dass es „unmöglich“ gewesen sei, Anthony Randolph von Real Madrid mit einem Pass auszustatten. Ja, Anthony Randolph hatte zuvor keinerlei Verbindung zu diesem Land. Diese Verbindung hatten die beiden für den Nationalmannschaftseinsatz eingebürgerten deutschen NBA-Profis aber auch nur bedingt:

Shawn Bradley, geboren im pfälzischen Landstuhl bei Kaiserslautern (Fun fact: Anthony Randolph erblickte in Würzburg das Licht der Welt), war Teamkollege von Dirk Nowitzki bei den Dallas Mavericks und absolvierte neun Länderspiele rund um die Europameisterschaften 2001, bei der Deutschland den vierten Platz belegte. Für den 2,29 Meter großen Center musste Vladimir Bogojevic aussetzen, der bis dahin Pointguard des DBB-Teams gewesen war und seit längerem den Kaderplatz des einzigen erlaubten „naturalisierten Spielers“ inne gehabt hatte. Der kurzfristige Tausch wurde damals zum Teil sehr kritisch gesehen.

Chris Kaman bekam aufgrund seiner deutschen Urgroßeltern väterlicherseits einen deutschen Pass, lief bei den Olympischen Spielen 2008 (und bei der Quali zuvor) und der EM 2011 in 15 DBB-Länderspielen auf. Zusammen mit Dirk Nowitzki bildete er das doppelköpfige Zonenmonster, was gut funktionierte und wodurch sich Nowitzki ebenso wie Kaman den Traum von den Olympischen Spielen erfüllen konnte. Nach 2011 trat Kaman nicht mehr als Nationalspieler in Erscheinung.

Zu gut besetzt auf den großen Positionen?

Die Nationalmannschaft sei auf den großen Positionen langfristig so gut besetzt, dass da keinen Platz für den 31-jährigen Bryant gäbe. Dieses – und nur dieses – Argument zählt für mich.

Schauen wir auf die Liste:

Daniel Theis (1992), Maxi Kleber (1992), Danilo Barthel (1991), Joe Voigtmann (1992), Maik Zirbes (1990), Johannes Thiemann (1994), Tibor Pleiß (1989), Andreas Seiferth (1989), Isaiah Hartenstein (1998), Moritz Wagner (1997).

Von diesen zehn Spielern können fünf mit zur WM kommen, vielleicht sogar nur vier, da es mit Niels Giffey und Robin Benzing noch zwei Small Forwards gibt, die auch auf der Vier eingesetzt werden können.

Theis und Kleber sollten gesetzt sein, Voigtmann und Barthel sind höchstwahrscheinlich ebenfalls dabei. Und wenn es um die hinteren Plätze in der Rotation geht, würde ich perspektivisch lieber einen der jungen Spieler wie Hartenstein oder Wagner mitnehmen.

Auf den großen Positionen herrscht ein Überangebot an guten Spielern. Deshalb ergibt die Hinzunahme von John Bryant nicht wirklich Sinn. Shooting Guard hingegen ist der derzeit schwächste Spot in der DBB-Auswahl. Gibt es dort nach dem klaren Nein von Nihad Djedovic einen eingebürgerten Akteur, der helfen könnte? Vielleicht Bryce Taylor, wenn es ihm gelingt, nach seiner Verletzung an die Form früherer Tage anzuknüpfen….

Ich wünsche Euch entspannte Feiertage und viel Glück und Gesundheit für 2019!

Euer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.